Krimhild Becker | Ohne Titel | 2001
Beton | 235 / 20,5 / 430 cm
Fotografie auf Glas | 199 / 119,5 / 0,7 cm
Licht | 153 / 3 cm
Passagen
Krimhild Becker im TAL
Für ihre bislang einzige Arbeit im Außenraum hat Krimhild
Becker einen kongenialen Ort gewählt. Eine Lichtung
im Waldstück, die den Blick frei gibt auf den angrenzenden
Friedhof. Es ist ein Ort des Innehaltens und Verweilens,
des Sinnierens und des Ahnens. Gleichzeitig handelt
es sich um einen denkbar unprätentiösen Ort, der nicht
durch eine exponierte Aussichtslage auf sich aufmerksam
macht, sondern eher still und am Rande entdeckt werden
will. Krimhild Becker hat ihr Photo-Triptychon auf dem
Scheitel zwischen schützenden Baumreihen und dem
weitläufigen Gräberfeld plaziert, zwischen aufwärtsstrebenden
Baumspitzen und sich in die Tiefe der Landschaft
ausdehnender Weite, zwischen hell und dunkel,
offen und geschlossen.
In Beckers dreiteiliger, menschenhoher Arbeit wird dieses
Dazwischen thematisch. Die mittels eines speziellen Siebdruck-
Verfahrens auf das Glas gedruckten Photos zeigen
die für das Schaffen der Künstlerin zentralen Androiden
und Roboter – Leiber, Rümpfe, Beine, Arme und Hände.
Die einerseits vertraut, andererseits befremdlich wirkenden
"Glasmenschen" scheinen einer fernen Welt entsprungen
und selbst im Übergang begriffen. Ihre betonte und doch
abstrakt bleibende Körperlichkeit erfährt durch die Transparenz der
Gliedmaßen eine Leichtigkeit, wie sie nur in der Virtualität des schwerelosen
Raumes existiert. Unterstützt wird der Eindruck des Schwebenden
durch den Abstand zwischen den Glasscheiben und der tragenden Betonwand,
auf dem diese montiert sind. Durch die für Krimhild Becker
charakteristischen "Lichtlinien" zwischen den drei einzelnen Bildtafeln
– sie greifen die Senkrechte wieder auf – verschwimmen die Übergänge
in einem diffusen Zwischenstadium und scheinen zu vibrieren. Die sich
auf dem schwarzen Fond stark abhebenden Leiber entfalten eine sogähnliche
Tiefenwirkung. Gespiegelt von den refl ektierenden Glasober-
fl ächen werden der Betrachter wie die unmittelbare veränderliche Umgebung
ihrerseits zum integralen Bildbestandteil. Gleichzeitig beginnen
die Körper einen Tanz über das Bild hinaus und in die Natur hinein. Ein
unentwegter und dynamischer Austausch zwischen den Welten, Dimenohne
sionen und Zuständen, der sich dem vorübergehenden Betrachter buchstäblich
en passant erschließt. Es ist das Bewegungsmoment, das zum
Schlüssel der (Selbst-)Wahrnehmung wird: der Betrachter spiegelt sich
selbst in seiner Durchgangspassage. Durchgänge durch die unaufhörlichen
Wandlungen des Lebens, in denen sich Körper und Geist, Natur
und Kultur, Licht und Schatten immer wieder neu durchdringen. Beckers
Arbeit steht an der Lichtung zwischen den vermeintlichen Gegensätzen
und zeigt deren fl ießende Übergänge. Ein Ort der Ruhe, der gerade erst
durch die Dynamik als ein solcher verstärkt wird. Transformationen
des Seienden – blendend.
Ulli Seegers |