Karl Bobek | Dreibeiner | 1989/90
176 / 80 / 67 cm | Eisenguß
"Aber es ist verboten, aufzugeben oder auch nur einen Augenblick innezuhalten"¹
In einer kleinen Tannenschonung am nördlichen Ende des
›Tal's‹ begegnet man dem "Dreibeiner" von Karl Bobek.²
Er steht auf einer rechteckigen, eigentümlich künstlichen
Lichtung, die in das dichtstehende Nadelgehölz hineingeschnitten
ist und einen schützenden Innenraum bietet.
Die Plastik ist an der Peripherie dieses Ortes positioniert;
sie markiert weder einen ausgezeichneten Punkt, noch
läßt sie sich auf eine defi nierte Achse des Platzes beziehen.
Ihre Position scheint somit nicht vorbestimmt oder
endgültig festgelegt. Man trifft auf die Figur wie auf
einen zufällig Vorbeigehenden.
Doch wohin richtet sich der Schritt dieses Gehenden? Er
ist auf kein ersichtliches Ziel hin orientiert, führt weder
hinein noch hinaus aus der umgebenden Situation: Gehen
geschieht hier beziehungslos zur Umgebung.
Aus verändertem Blickwinkel zeigt sich noch deutlicher,
daß der Schritt der Figur nicht Gehen als ein Verhalten
zum Ort bedeutet. Das Schreiten wandelt sich zum Taumeln,
zum Ringen um die Balance. Was zuvor noch wie
ein Wanderstab erschien, offenbart sich nun als elementare
Stütze, die das gefährdete Gleichgewicht erhält.
Wie ein drittes Bein geht der Stab aus dem Körper hervor.
Einer gegenständlichen Sicht ist diese Haltung nicht mehr plausibel, und
die Figur, die beim Eintritt in die Lichtung noch wie das genrehafte Bild
eines Wanderers im Blickfeld aufschien, verliert zunehmend ihre abbildliche
Evidenz: der merkwürdige Klumpfuß zerquillt zu einem Brocken
Eisen, die Beine erweisen sich als entstellte, verkrüppelte Glieder, die
nicht mehr der Logik eines Körperbaus folgen. Und gerade die gegenständlichen
Details, wie das Gesicht und die Arme mit ihrem aufgekrempelten
Hemd verstärken den Eindruck, daß sich hier ehedem funktionierende
Körperlichkeit und Figürlichkeit zunehmend abbaut.
Solcher Eindruck von Zerfall wird noch gesteigert durch die krude zerfurchte
und verwitterte Oberfl äche des vom Rostfraß durchsetzten
Eisens. Der offene, prozessuale Charakter der Form trägt weniger den
Eindruck einer expressiven, künstlerischen Herstellungsgebärde, als
vielmehr die Anzeichen einer durch Verlust und Zersetzung in ihrer Existenz bedrohten Form. So ist nicht allein das Gleichgewicht und die Balance
der Figur gefährdet, sondern mehr noch ihre Substanz überhaupt.
Doch dem Eindruck einer aufgezehrten, "beschädigten Existenz"³, die
taumelnd zu bestehen versucht, steht die kraftvolle Massivität des
Oberkörpers entgegen. In den festen Schultern, den aufgekrempelten
Ärmeln und der geballten Faust kommt eine seltsame Standhaftigkeit
zum Ausdruck, die dem Schritt nach vorne wiederum Nachdruck verleiht.
Auch wenn die dürren Beine in einem Mißverhältnis zur
Schwere des Oberkörpers stehen, so bleibt die Schrittstellung
trotz aller grundsätzlichen Gefährdung vehement,
manifestiert sich in ihr der Wille zu gehen. Gerade aber
der drohende Substanzverlust scheint der Antrieb dieses
ungebrochen willentlichen Drangs nach vorne zu sein:
Gehen bedeutet so nicht Fortkommen, sondern Widerstand
gegenüber unerbittlich fortschreitendem Zerfall.
Karen van den Berg |