Heinz Breloh | Der Bildhauer im Fluß | 1990
25 / 35 / 70 cm
Bronze, Wasser
Das Unmerkliche und das Deutliche
Die Landschaft ist weit und breit gleich. Und doch verschieden,
überall. Nicht zu sagen was man sieht, bis eine
Einzelheit unter dem Vielen für einen Moment "einzig"
wird. Unversehens ist etwas in den Blick gekommen. Eine
Skulptur in einem Bach; "Der Bildhauer im Fluß" – wie
es heißt.
Es gilt die doppelte Belastung des Wortes: im Wasser
sein, und in der Bewegung sein. Die Skulptur, die der Bildhauer
Heinz Breloh an eine unmerkliche Stelle in den
schmalen Wasserlauf im Hasselbach-Werkhausener ›Tal‹
plaziert hat, schafft einen "kleinen" Ort und macht diesen
"groß". Es ist der Ort einer Entdeckung; denn diese Skulptur
drängt sich wahrlich nicht auf. Es ist ein Ort der Besinnung;
weil die Augen sich in der Rätselhaftigkeit dieses
plastischen Gebildes verlieren wie in der Kindheit einmal
im Strudel eines Flusses.
Die Skulptur, ein "Körper" aus Wülsten, der waagerecht
daliegt (wie eine Hülle, wie ein Gefäß, wie ein zerborstener
Brustkorb, wie eine erstarrte Bewegungsspirale, wie
eine Spur Tod), unten und oben offen, hebt sich während
des Schauens offenbar allmählich empor. Umspült, durchspült
vom Wasser; so daß von Starre überhaupt keine Rede sein kann.
Das Wasser bewegt sich in stetigem Gleichmaß, und die Skulptur schafft
einen "Ort der Ruhe". Unmerklich ist man in die Stille hineingewachsen,
die Gräser am Ufer, die Kiesel im Bachbett, das dauernde Geräusch des
plätschernden Wassers, das gleich hinter der Skulptur entsteht, fast als
komme es aus der Skulptur selbst. Eine neue Stille hat sich eingestellt.
Die Stille der Landschaft ist in der Stille der Skulptur aufgehoben.
Das Hören und das Schauen verweben sich angesichts dieser geheimnisvollen
Gestalt, die aus dem Wasser ragt, manchmal mehr, manchmal
weniger, je nachdem ob es viel oder weniger geregnet hat. So schmiegt
sich die Kunst sanft in die Natur hinein, und die Skulptur von Heinz Breloh
wird ein Pol von überraschender Besänftigung. Die Ruhe, die entsteht,
wächst aus der Berührung von Skulptur und Landschaft, indem
die Skulptur (plötzlich) mit der gleichen Selbstverständlichkeit vorhanden
ist wie die Gräser, die Steine, das Wasser, das Erdreich.
Mit dem Licht der Stunde und mit der Tagesform des Betrachters und
mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert sich der Blick auf die Skulptur.
Schließlich: man sieht nie zweimal die gleiche Skulptur, so wie man nie
zweimal in den gleichen Fluß steigt.
Jürgen Kisters
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