Heinz Breloh | Der Bildhauer in der Mittagsonne | 1991
Glasgehäuse 225 / 158 / 158 cm
Gips 180 / 150 / 150 cm
Glas, Eisen verzinkt, Festgips
Man fragt sich: wie muß denn eine Kunst aussehen, die
auf die Natur verweist, ihre Kräfte, ihr Wachstum, ihren
Prozeß von Gestaltwerdung, Gestaltbrechung, Verwandlung?
Eine große Gipsskulptur in einem Glaskasten, die
zwischen dünnen Birken beim Anstieg auf einen Hügel
wie ein Rätsel plötzlich auftaucht, macht die Erfahrung
von "Natur" auf verschwiegene Weise sichtbar. Als ein
schwerer, verschlungener Klumpen Leben hebt sich Heinz
Brelohs Skulptur aus der Landschaft heraus, nicht gegenständlich
und auch nicht abstrakt, oder aber beides in
einem. Der weiße Gips leuchtet, als wäre er wirklich bis
zur Unwirklichkeit, in jeder Hinsicht körperlich, in einer
Wucht, die ebenso zart wie gewalttätig ist.
Ein Paradox: was aufs Äußerste unwirklich erscheint, verweist
doch gerade darin aufs Wirkliche, auf Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit ist (immer) plastisch. Sie entwickelt
sich in groben und feinen Formen, die mit Geduld und
Hast, Vorsicht und Verwegenheit gebaut sind, Stück um
Stück, so wie der Gips in der Skulptur von Breloh in vielen
Übergängen von fl üssig zu hart geschichtet, gedrückt
und verwoben wurde. Worauf man schaut, ist ein sehr
kompliziertes Gebilde aus Schwüngen und Schleifen und
Wülsten, eine Silhouette von Bewegungen, der Hauch eines Torsos, das
Schema eines Körpers. Man muß um die Skulptur herumgehen, um sich
in sie hineinzuverwandeln und ihr in sich ruhendes Maß, der Größe des
Bildhauers entsprechend, zu verstehen. Man entdeckt darin ein Auf und
Ab von Bewegungen, eine Bahn der Beine, einen Kreislauf vielleicht, ein
mehr oder weniger mühsames Durch-Material-Hindurchwühlen. So die
Skulptur, so das Leben.
Die zweite Erfahrung lautet: daß sich die Wirklichkeit entzieht, das Prinzip
der Bewegung und Verwandlung, das "Mächtige" und "Zerbrechliche"
des Materials und des Körperlichen. Der Glaskasten, der um die
Skulptur von Heinz Breloh gebaut ist, geht weit über seine den Gips
schützende Funktion hinaus. Er konstruiert einen Raum, und dieser
Raum erzeugt einen Moment größter Verdichtung und Präsenz des darin
Eingeschlossenen. Ganz nah erscheint einem dieses Gewülst mit seinen
Verschlingungen und Furchen, daß man es berühren und sogar hineinkriechen möchte. Doch der Glaskasten hält einen ab; er demonstriert
eine grundsätzliche Entfernung. Indem man aufs Äußerste dicht an das
Plastische (an das Leben) heranrückt, bewahrt (oder bekommt) es etwas
Unnahbares, und letztendlich entsteht daraus die Ahnung, daß die Einsicht
in die Natur, in das Leben nie näher, nie ganz zu haben ist. Diese
Distanz (zur gelebten Erfahrung, zum Geheimnis) ist offenbar grundlegend:
für die Kunst, fürs Leben.
Heinz Brelohs Skulptur schafft in der Mitte des Hügels
einen stillen "heiligen" Ort, indem er das ganze Gewicht
der "profanen" plastischen Wirklichkeit herausstellt. Es
gilt, was Giacometti einmal sagte, daß, wenn man die
Bildhauerei ein wenig besser verstehen möchte, man sich
auf die Dinge konzentrieren muß, die auf keine andere Art
gesagt werden können. Und genau das tut Heinz Breloh.
Seine Skulptur hebt sich "mächtig" über sie hinaus, um
in sie hinein zu verweisen, in der Mittagssonne wie im
Abendlicht. Ponge schrieb über Skulpturen einmal von
einer "Natur des siebenten Tages" und von einer "Natur
des zweiten Grades". "Wenn die Natur kreist, so schert sie
sich den Teufel um unsere Zustimmung. So scheint es uns
zumindest. Und dies ist auch der Grund, warum wir ihre
Schöpfungen am siebenten Tag so bewundern, wenn sie
ruht und uns nur noch wie eine Ausstellung erscheint: darin
kommen die Werke unserem Geschmack nicht entgegen,
sie tun offenbar etwas dazu, was wir verdauen müssen.
Das genügt für die Woche, denken wir. Aber am Montag
geht es wieder los. Die Schöpfung, die nicht in sechs Tagen
vollendet ist, geht weiter. Und doch hält diese Gleichgültigkeit
der Natur uns gegenüber dem Nachdenken nicht stand.
Denn schließlich zeigt sie bei ihrer Schöpfung ein solches Interesse, uns mit
hereinzuziehen (und zu halten), daß sie uns allmählich in Bewunderer, in
Abhängige verwandelt; bis wir nichts mehr sind als Münder, die ihren
Ruhm verkünden!"
Jürgen Kisters |