Claus Bury | Haus des Hasselbacher Reiters | 1987/88
800 / 600 / 500 cm
Holzkonstruktion
Kleine Phantasie für Claus Bury
Beritten kam die Kunst ins ›Tal‹. – Bury aus dem Hanauerland.
Schwer gesattelt sein Rappe, Sägen, Bohrer, Hammerzeug
drückten den Gaul. Brockhaus, auf Rädern und
zweispännig, zog es vom Rheinischen her. Fritsch und
Nierhoff waren, wo sie aufgebrochen, knapp hinter Köln
vom Eis gepresst. Ein Packesel, getürmt mit allerlei Eisernem,
ging ihnen in Schnee und Nebel für kurz verloren.
So ohne Barmen waren die Winter dereinst. Den Bart im
Rauhreif war auch Demetz unterwegs. Sein süd-tirolischer
Schimmel ward vom Blitz getroffen, halbenwegs
gen München. Dort schloß er sich, Flüche auf den Lippen
und verspätet, Gerhart und Lehnerer an, die mit einem
braunen Reisepferd aushalfen. Dreimal wurden sie geplündert
auf der Strecke vom Süden zum Westerwald.
Unsichere Gegenden, rauhe Zeiten. Nichts anderes hatten
sie alle erwartet. "Unglück reit mich, wo ich hin ker" riefen
Deiml und Forster, verirrt im Siebengebirg. Gehetzt
und schon in gehöriger Nacht trafen die Schwaben an
einem Wegekreuz auf Brummack und Reineking, die sie
kannten. Die Kölnischen – hinterm Dom werde wieder
gehenkt, erzählten sie auf dem weiteren Ritt – stellten als
letzte ihre Pferde in die Stallungen. Gegen Morgen lagen
alle im Stroh umd es ward still in Wortelkamps Herberge.
Anderntags früh kräuselte dünner Rauch aus dem Schlot des Schulhauses
im ›Tal‹. Manchmal zog auch Funkenfl ug in die Lüfte: als wäre
das Haus noch durchglüht von den heftigen Feuern der Inspiration, von
den Geistesblitzen im guten Dutzend, welche die mehreren Herren,
Künstler und Werkleute am Schönen, ihrem spiritus rector und der so
klugen wie liebreizenden Hausherrin bis in eine tiefe, wahrlich angeregte
Nacht vordisputiert hatten. Ein hochfl iegend Projekt hatte sie herund
umgetrieben. Wie ihre Künste, von deren sittigender Kraft sie sämtlich
durchdrungen waren und überzeugt, der Natur zu vermählen seien;
doch so, daß die Kunst vor der Natur sich nicht schämen sollte. Dies war
die Aufgabe des Treffens von Hasselbach.
Wohlan ins ›Tal‹, rief Wortelkamp, nachdem das letzte Frühstücksmaul
gewischt war. Jedem sollte, auf erstem Rundgang, von Senken und Hügeln, Bächen und Auen, Hecken und Röhricht, Fels und Baum und jeglicher
Mischung, die begriffl ichste Anschauung zuteil kommen. Und vielleicht
gar, hoffte Wortelkamp, ein Ungeduldiger, würden schon Plätze
erkoren und amöne Örter gefunden, woselbst die collegae in artibus ihre
Wegzeichen und Votivbilder in die Natur, die diesen hellgrauen Nachmittag,
leicht überschneit, sich plastisch darbot, möchten setzen wollen.
Bei diesen Gedanken hatte Wortelkamp den Bury, der es nicht merkte,
scharf im Blick. Der rief, wie auf Kommando, eine leichte Erhebung vor
Augen: "Dorthin, fürs ›Tal‹, bau ich einen Pferdestall!" –
Alle wußten, warum der Hanauer ihnen so praktisch kam.
Hatten sie doch nächtens die gepferchten Gäule treten
und kollern gehört; denen mußte schnell eine Bleibe her.
Noch länger wäre schließlich der berittenen Künstler Aufenthalt
im ›Tal‹. Schon hatte Wortelkamp ein kleines Kiefernwäldchen
im Blick und die nötigen Äxte und Sägen
im Sinn, gab jeder das Seine krittelnd oder zustimmend
dazu. Bury aber, den Kopf schon voller Grundrisse, Hochbalken
und Pfetten, hielt mitten im Lauf zum Bauplatz
jäh inne. Knapp dahinter, unter einem dichten Vorhang
aus Efeu, trat ein Gebäunis in Erscheinung, das er in einer
Vision eben auf den Platz gestellt hatte. Nun sahen es
auch die anderen durch den grünen Mantel der Natur. Ein
Holzhaus, getreppt und getürmt, mehr verschlossen als
offen, zwei Stege stützten die Stirnseiten noch einmal ab:
aus anderer Kultur dahergesetzt, aber wann? Sie schlugen
es frei, rissen sich die Nägel ab. Dann war allen klar,
Bury als erstem: sie alle waren schon einmal hier gewesen,
vor Jahrhunderten. Bury holte den Rappen, stapfte
durch den neuen Schnee und führte den Gaul an einen
pferdekopfhohen Balken in dem Stalle, den er (er?) vielleicht vor dreihundert
Jahren hier errichtet hatte. Der Pferdebiß an der alten Nagespur
paßte.
In der folgenden, ganz aufgescheuchten Nacht hörte der Wortelkamp
seine schon schläfrige Frau sagen, wie schön es doch sei, daß niemand zu
ergründen wisse, wo die Natur aufhöre, Kunst und Handwerk aber an-
fingen.
Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Doch ist dies schon wieder
eine andere Geschichte. Sie handelt auch vom Hasselbacher ›Tal‹.
Hanno Reuther |