Bogomir Ecker | Schrei | 1991/92
Schacht 210 / Ø 139 cm
Kugel 75 cm
Gitter 2,5 / 128,5 cm
Mundhöhle 8 / 8 / 14 cm
Schreie und Flüstern
Auge und Ohr sind passive Grenzorgane des Menschen.
Unmittelbar leiten sie die Vielfalt der Außenweltserscheinungen
in die Räume des Innenlebens. In ihnen tönen sie
lautlos nach. Der Mund ist in der Lage, das was vormals
fi lterlos hereingefl ossen ist, nach seiner wunderbaren
Transformation in einen neuen, möglichen, anderen Sinn
wiederzugeben.
Das Prozeßhafte ist schon seit langem Bogomir Eckers Ergründungsterrain.
Wahr-Nehmen, für Wahr nehmen, die
Bildung subjektiver Wirklichkeit oder das Erkennen wirkenden
Seins. Regelmäßig nehmen seine Skulpturen immer
wieder die Form von abstrahierten Augen und Ohren
an. Sie spähen und lauschen – in ihrer Größe jeweils den
Ort und zugleich sich selber konterkarierend – an Hauswänden
und Bäumen, in Museen und Institutionen, auf
der Straße, im Wald, an Werken des Künstlers, oder gar in
sich selbst. Sie koppeln sich rück, als allgegenwärtige Zeichen
des Registrierens, Beobachtens und Aufnehmens.
Durch die Beobachtung und Belauschung, die sie ihrerseits
wiederum von außen erfahren, entsteht zunächst
eine schnelle, geistige, fast paradoxe Doppelschwingung.
– Zu dem Feineren, Komplexen und Raumbildenden kommen
wir später noch.

"Schrei" nennt Ecker seine Skulptur hier im ›Tal‹. Das assoziative Element
dieses Wortes – die energetische, plötzliche Lautentladung, im Sprachgebrauch
vorwiegend als Ausruf des Erschreckens verstanden – schafft vorerst
eine respektvolle Distanz zu dem uns Begegnenden, zu Betrachtenden.
Kurz gesagt: Steuerung der Erwartungshaltung.
Mit dieser Einstimmung stößt man nun, in Sichtweite zum "Haus für
August Sander", auf einen kreisrunden, in die Wiese eingelassenen Gitterrost.
Kühl, spröde und funktional, wie wir die Abdeckungen von Kanalisationssystemen,
Entlüftungs- und Versorgungsschächten kennen. Die
Zuordnung zur Tektonik des Hauses scheint die einzig mögliche Rechtfertigung
für die Existenz des Gitters zu sein. Gäbe es da nicht im Menschen
die Lust, in Höhlen, Löcher, Schlitze und ähnlich dunkle Räume zu
blicken, mit der Bogomir Ecker stets rechnet, würde man es wohl darauf
beruhen lassen. Doch Neugierde ist der Anstoß, näher zu treten und den
Blick in die Welt des Unterirdischen zu lenken. – Eine kurze Erinnerung
an verworrene Tunnel und versteckte Pyramidengänge wird wach. – Da
steht man nun auf dem Rost und schaut, was es zu entdecken gibt: Eine
große, schwebend anmutende rote Kugel, etwa 70 cm im Durchmesser
und etwa 1,70 m unter den eigenen Füßen. Auf ihr befi ndet sich ein durch
die Flimmerwirkung des Gitters schwer zu erkennendes, kleines Bronzeobjekt,
ein anderes ist zwischen Schachtwand und Kugel eingeklemmt.
Es sind zwei vergrößerte Positivabgüsse einer wie zum
Schrei geweiteten Mundhöhle.
Das, was während des Fokussierens der Objekte geschieht,
ist frappierend. Unvermittelt beginnt ein plötzlicher
Assoziationsreigen. Die Gedanken geraten ins
Taumeln, das Gitter, auf dem man steht, wird zu einem
unsicheren Ort. Die Membranidee Eckers wird körperlich
erlebbar, so daß man geneigt ist, sich das Ganze vorsichtshalber
erst von der Seite her anzusehen.
Kugel, ein in sich selbst geschlossener Körper, Welt, All,
Alles, Kosmos. Schacht, Brunnen, Tunnel, Loch, schwarzes
Loch. Gitter, Membrane, Grenze, Grenzbildung, Transparenz.
Rachen, erstickter Ton, materialisiertes Wort, Fragment,
Absterben, Amorphes, Stille, Froschkönig.
Nehmen wir beispielsweise den Klangraum, so stellen wir
fest, daß seine Grenzen nicht defi nierbar sind, obwohl wir
ihn als endlich und somit begrenzt wahrnehmen können.
Gesellt sich zu diesem Klangraum ein begriffl icher hinzu
– gebildet durch ein Wort – wird man unweigerlich veranlaßt,
die Auffassung des herkömmlichen, materiellen
Raumes zugunsten eines imaginären Raumes zu verlassen. In diesem
Sinne ist Bogomir Eckers Skulptur mit ihren sich teils ergänzenden, teils
gegenseitig wieder aufhebenden Analogien als Umsetzung von virtuellem,
geistigem Zustandsraum in plastische Materie und umgekehrt zu
verstehen. Dabei werden bereits im immateriellen Bereich Bedeutungen
wie Resonanzkörper, Kommunikationsmodelle, oder andere Gesellschaftsphänomene
in einen schwingenden, poetischen Zustand versetzt. Ihrer
Transformation, ihrer Metamorphose in optisch-haptische Qualitäten
liegt ein Prozeß zugrunde, der weder zentrisches, noch perspektivisch
ausgerichtetes Denken und Handeln birgt. Mit einfachen skulpturalen
und verständlich lesbaren Mitteln gelingt dem Künstler der Versuch, die
Gleichzeitigkeit der Dinge und Eindrücke sichtbar zu machen. Der Ort,
an dem man sich befi ndet, enthält dabei ein simultanes Oben und Unten,
Vorne und Hinten.
Vor dieser Folie erschließen sich denn auch verschiedenste mikrokosmische
Zusammenhänge, wie etwa diejenigen, die zwischen Sprachraum,
Begriffsraum, materiellem Raum, Hohlraum, Bildraum, ausgegossenem
oder eingeklemmtem Resonanzraum bestehen. Ebenfalls läßt
sich Eckers Arbeit mühelos in den erweiternden Kontext der Natur, des
Ausstellungsortes und anderer Dinge stellen, wobei dem kunstwissenschaftlichen
Beschreiben und seinem statischen Instrumentarium mitunter
die Grenzen seiner Darstellungsfähigkeit deutlich vor Augen und
Ohren geführt werden.
"Schrei" – Ausruf eines Lebewesens. Als unartikulierter, noch ungeformter
Laut könnte er in jedem Falle den Beginn einer neuen Sprache,
einer neuen Verständigungsform markieren: Denn wem leuchtet nicht
ein, was Linguisten längst herausgefunden haben? Daß nämlich vor der
Wirklichkeit die Sprache steht, die ihrerseits das Denken formt und damit
wieder die Anschauung der Realität, ja der Wirklichkeit selbst. Im
Falle des Bogomir Ecker, unter dessen Händen das Unwahrscheinliche
immer zum Realen, das Unsichtbare und Unhörbare zum Bild wird, wäre
dies wohl die Sprache der Sinne, die den Dingen ihren Freiraum gewährt,
die Fragmente ohne Versagen neu zueinander fi nden läßt und der Vernunft
der Poesie den Vorrang vor der Logik der Vernunft einräumt. Und
nicht umsonst bedeutet "Schrei", nimmt man seine etymologische Spur
auf, in seiner ursprünglichen Aussage "Notruf, feierliches Geschrei des
in seinem Recht Gekränkten".
Beate Ermacora |