Hannes Forster | Überbrückung | 1988
0–30 / 110 / 110 / 1700 cm
Bruchsteine, Vierkanthölzer, Teiche, Bach
ein Gehen
Folgt man dem Bach stromaufwärts durch nasses Gras
und aufgeweichte Erde, so kommt man in ein Feuchtgebiet.
Tümpel, Gräser und Blüten zeigen die lebensgenerierende
Potenz des Wassers. Eben hier, in der ökologischen
Mitte des ›Tals‹, kann der Wanderer den Bachlauf
überqueren, kann sich auf die Kleinteiligkeit und Ereignisvielfalt
eines Mikrokosmos einlassen.
Eine sich auf das Elementare beschränkende Brückenarchitektur
durchkreuzt das Feuchtgebiet, führt leicht ansteigend
bzw. abfallend zwischen Teichen hindurch und
über den Bach hinweg von Ufer zu Ufer. Fünf trocken geschichtete
Bruchsteinbasen stützen einen schmalen, aus
drei miteinander verschraubten Vierkanthölzern gebildeten
Steg. Der Steg läßt sich in eben dem Maße in die
Natur ein, wie er selbst aus der Natur kommt und wieder
in sie einmündet. Sein Gemacht-Sein zeigt dabei ein Bewußtsein
für die Nutzbarkeit der natureigenen Materialien.
Der Steg ist so nicht Fremdkörper, sondern selbst Teil
der Landschaft. Seiner Konstruktion eignet nicht die Künstlichkeit
des scheinbar Ewigen, sondern die Natürlichkeit
möglichen Zerfalls.
Das Bauen selbst, die Folge der einzelnen Arbeitsschritte, ist in der sorgfältigen
Schichtung der Bruchsteinbasen und der festen Verschraubung
der Vierkanthölzer deutlich sichtbar. Trotz der potentiellen Gefährdung,
die durch die Schmalheit des Stegs und die lose Schichtung der Steine
evoziert wird, bleibt das Risiko des Begehens jederzeit kalkulierbar.
Im Verhältnis zur Schmalheit des Stegs wirken die fünf Bruchsteinbasen
überdimensioniert. Während der Holzsteg selbst kaum breit genug ist,
um vorsichtig und konzentriert darüber zu gehen, scheinen die Bruchsteinbasen
nicht nur diesen schmalen Steg stützen zu sollen, vielmehr
sind sie Sockel, Stümpfe, Standfl ächen. Sie setzen Verweilorte inmitten
eines zielgerichteten Gehens. Die "Überbrückung" als Weg zeigt die
Dimensionen des eigenen Gehens. Indem die Lauffl äche nämlich gerade
breit genug ist, um die Balance zu wahren und einen Schritt vor den
anderen zu setzen, ist nichts anderes möglich, als bewußt zu gehen.
Will man sehen, muß man auf einer der Bruchsteinbasen stehen. Dann
erfährt man die vertikale Kraft, die die Steine in ihrem scheinbaren
Herauswachsen aus der Erde ziehen und die sich in der eigenen Körperachse
fortsetzt. Geht man weiter, so folgt man abermals dem beschleunigenden
horizontalen Zug des Stegs.
Die "Überbrückung" ist so einerseits funktional gebundene Architektur,
die die Überquerung des Baches möglich macht, ist andererseits aber
skulpturale Gestalt, in der sich Gehen und Sehen als die beiden grundlegenden
Wahrnehmungsmodi in der Natur voneinander
trennen, ohne sich zu verlieren. Das eine zeigt sich als Ermöglichung
und Bedingung des anderen wie umgekehrt.
Die Landschaft ist hier nicht mehr nur Schauspiel vor den
Augen, sondern wird zur Lebenslandschaft, in der sich der
Gehende Raum schafft und sich in ihr umtut.
Jörg van den Berg
Wir können nicht sagen, wir denken, wie wir gehen,
wie wir nicht sagen können, wir gehen, wie wir denken,
weil wir nicht gehen können, wie wir denken,
nicht denken, wie wir gehen.
Thomas Bernhard, Gehen
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