Ludger Gerdes | Stück im Tal | 1991
Sieben dreiteilige Elemente von 115 / 600 / 35–10 cm ordnen sich tangential um einen Kreis Ø 1880 cm, dessen Mittelpunkt in einem Teich liegt.
Roter Sandstein
Stück im Tal
Ludger Gerdes, seit ein paar Jahren vielfältig mit Projekten
im öffentlichen Raum in Erscheinung getreten, verbindet
bei dieser Arbeit mehrere Aspekte, die im bisherigen
Werk getrennt voneinander gewesen waren. So tauchte
die Form eines aus gegeneinander versetzten Wänden
gebildeten offenen Kreises in Modellen und Bildern bereits
verschiedentlich auf, etwa in einer 1985 entstandenen
Arbeit mit dem Titel "Meine Gedanken kreisen um
Dich". Allerdings handelte es sich dort um fünf, nicht sieben
Kompartimente, was aber die Idee von einem "offenen
Grundriß" nicht wesentlich verändert.
Wichtig ist in jedem Fall, daß durch die Wände Räume
abgegrenzt werden, ohne voneinander abgeschlossen zu
sein. So fühlt man sich, steht man innerhalb des offenen
Kreises, gehalten, aber nicht gefangen. Zudem bekommt
man durch die Wände sieben Blickrichtungen, also sieben
Perspektiven, aus denen sich die umliegende Landschaft
wahrnehmen läßt, was den zu bewußtem Sehen veranlassenden
Kunstcharakter des ›Tals‹ auf eigene Weise
betont und im günstigsten Fall die üblichen Rezeptionsunterschiede
von Natur und Kunst zum Verschwinden
bringt. Doch abgesehen von diesem Landschaftsbezug,
der durch die Form der Arbeit gestiftet wird, besitzt sie auch im wörtlichsten
Sinne eine Innenseite.
Jede der Wände ist mit einem Wort beschriftet, wobei sich, im Uhrzeigersinn
gelesen, der Satz "Ichs dürfen können wollen sollen müssen
sterben" bildet. Dieser Satz, dessen Wortbestand sich in anderer Weise
auch in einer 1991 in Utrecht entstandenen Neonarbeit findet, ist wegen
seiner ungewöhnlichen Struktur und der ungebräuchlichen Pluralform
"Ichs" in seiner Bedeutung so offen und zugleich als etwas Sinnvolles in
seinem Bedeutungsspektrum so begrenzt wie der offene Kreis, in dem
er sich befindet. Es ist ein Satz, der in der Aneinanderreihung der Modalverben
den dem Menschen grundsätzlich verfügbaren offenen Möglichkeitsraum
anzeigt, der aber selbst nicht unendlich, sondern begrenzt ist.
So trifft sich also auch der allgemeine Satzinhalt mit der Form des offenen
Kreises. Die Kreisform ruft zudem das alte Bild für den im Tod sich
vollendenden Lebenslauf wach, was ebenfalls zum Inhalt paßt, indem
der Satz mit "sterben" endet. Damit ist der Punkt markiert, an dem alle
Möglichkeiten ihren Abschluß finden, so wie sie andererseits erst dadurch
gebildet werden, daß ein Subjekt sich seiner selbst bewußt wird
und sich so eine Distanz zu seiner Welt und einen Freiraum schafft, der
eine Pluralität von Erfahrungsweisen konstituiert. Zwar könnte man
"Ichs", das als Wort auch schon in einigen früheren Arbeiten von Gerdes
auftaucht, als ein Synonym zu "Subjekte" verstehen, doch es bietet sich
an, jene Pluralität von Erfahrungsweisen, die in den jeweiligen Modalverben
anklingen, als eine Vielfalt von Ichs zu deuten, die
mehr oder weniger stark in jedem einzelnen Menschen
ausgeprägt sind. Auf die philosophisch insbesondere in
der Romantik und innerhalb des Pragmatismus verankerte
Vorstellung vom menschlichen Selbst als Bündel
von Einzelichs, die nicht, wie im Fall der Schizophrenie,
voneinander getrennt, aber doch unter Umständen einander
widerstreitend sind, hat sich Gerdes wiederholt
berufen. Dabei ergeben sich aus den Ichs nicht nur die
Modalitäten, sondern ihnen korrespondieren auch Fähigkeiten,
Stimmungen, Verstehensweisen. Die Welt in ihrer
Vielfältigkeit kann nur von Menschen erfaßt werden, die
für die einzelnen Facetten ein ausgeprägtes Sensorium
besitzen. Deshalb vermag eine vielgestaltige Persönlichkeit,
trotz deren Gefährdung durch Zerrissenheit und
Lähmung aufgrund von Unentschiedenheit, vor allem in
einer Gesellschaft als Ideal zu erscheinen, die auch sonst
Pluralismus zu einem Anliegen gemacht hat und in der es
wichtig geworden ist, Sensibilität und Verständnis gerade
für das (vermeintlich) Fremde zu entwickeln.
Als die Idee einer offenen, pluralistischen Gesellschaft im
18. Jahrhundert erstmals weitläufig auftauchte, fand sie
Ausdruck nicht zuletzt im Konzept des Englischen Gartens. Da sollten
einem Besucher in rascher Abfolge verschiedene Stimmungsbilder
erscheinen, unterschiedliche Epochengefühle und Blicke in fremde
Kulturen vermittelt werden.
Heute muß man nicht durch die Geschichte und über alle Kontinente
gehen, um sich echte Vielfalt zusammenzusammeln, denn mittlerweile
ist die Gesellschaft offen und pluralistisch geworden, auf engem Raum
tagtäglich zu erleben. So ist auch das ›Tal‹ gleichsam ein moderner
Englischer Garten: Jeder der daran beteiligten Künstler stellt etwas aus
seiner eigenen Welt dar, so daß insgesamt sehr unterschiedliche Landschaftsbilder
entstehen. Die Arbeit von Ludger Gerdes verbindet den
philosophischen Gedanken von Pluralität mit einer Gestaltung von
Offenheit sowohl durch den Satz selbst, als auch durch die Form des
offenen Kreises inmitten einer vielfältigen Landschaft, über die sie damit
zugleich reflektiert.
Wolfgang Ullrich
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