Paul Isenrath | Wasser | 1994
Handlauf 3 / 8–9 / 779 cm | Eisen verzinkt, Regenwasser (Position 4)
45 / 15–150 / 600 cm | Eisen verzinkt, Hangwasser (Position 24)
HALT!
Man kann Riesiges in die Natur stellen, um sich als Künstler
zu behaupten. Mitleid mit dem, der dies nötig hat.
Man kann artifiziöse Strukturen konstruieren, um sie der
Natur überzustülpen, solche, die die Natur gleichsam domestizieren.
Wie wenig Einblick in die Komplexität der
Natur und in die in ihr waltende Ordnung ist dem zu attestieren,
der sich dies zum Ziel gesetzt hat. Und, man
kann das Naturschöne in seiner einzigartigen Weise so
genießen, schätzen und akzeptieren, daß Kunst dort konsequenterweise
keinen Platz hat.
Wie verhält sich angesichts dieser vertrackten Ausgangssituation
nun ein Künstler, soll und will er ein Werk von
sich in die Natur geben, was eben auch bedeutet, daß er
in die Natur eingreift? Vilém Flusser sieht das Nehmen
eines Stockes aus der Natur schon als den der ersten Akt
des Menschen, sich die Natur untertan zu machen. Dem
finalen Punkt, den, in dem die Natur in Funktion des Menschen
funktioniert, nähern wir uns so gesehen seit Menschengedenken.
Ob dieser je erreicht werden wird, ob
dies überhaupt zu wünschen ist – wer weiß?
Wandert man nun durch das ›Tal‹ bei Hasselbach/Werkhausen
im Westerwald, in das Erwin Wortelkamp Künstler
gebeten hat, Werke von sich zu plazieren, zu installieren, zu integrieren
?, so begegnet man weniger denn beiläufig – also nicht monumental
den Blick richtend, aber auch nicht gerade zufällig – zweimal Werken von
Paul Isenrath.
Man hat sich gerade daran gewöhnt, den Blick nicht nur, auf Naturschönheit
konditioniert, über Weiden und Auen schweifen zu lassen,
sondern auch darauf eingestellt, Knicke in Zaun und Schneisen, vertikale
Marken und Gerätschaften als Kunst in der Natur zu akzeptieren,
da nimmt man, vielleicht durstig des Sommers, einen Wasserspiegel
wahr. Eine Pfütze wahr – aber eine in Dreiecksform, gleichschenklig
scheinend und auch noch tetraederhaft dreidimensional und stahlgewandet?
Wasser fließt über den spitzen Winkel des Dreiecks, Wasser
eines Rinnsals von der Weide. Die Basisfront des Dreiecks dient gleich
einem kleinen Staudamm dem Halten des Wassers. In einer Ackerfurche
befi ndet sich das Ganze. Die drei Seiten des Dreiecks liegen – wie könnte
es anders sein? – in einer waagerechten Ebene. Es sind die Sichtkanten
der in die Erde eingelassenen Stahlbleche. Wir stehen vor einem horizontalen
Moment in der Hügellandschaft des Westerwaldes.
Paul Isenrath hat eine Staupfütze in die Natur gegeben. Lediglich das
Auge vermag über sie zu stolpern. Denn die Form – nur sie, nichts anderes
– ist der Natur hier fremd. Das Phänomen, Wasser zu stauen und so
einen Spiegel in der Natur zu bilden, in den sich der Himmel und die
Wolken eben einspiegeln, ist der Natur entnommen. So tritt Blau ins Grün
der Weiden, so Wolkenzüge an die Grasnarbe – hier in der
geometrischen Dreiecksform. Der Künstler, der Mensch,
Paul Isenrath, bescheidet sich damit, visuell, qua Form, ein
Werk dem Formrepertoire der Natur einzufügen. Wenig
– in der Tat. Kaum augenfällig – für wahr. Aber signifikant
– was mehr ist zu erreichen?
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Nicht anders verhält es sich mit seiner zweiten Arbeit im
›Tal‹. Nahe des Hauses von Erwin und Ulla Wortelkamp
führt eine Brücke über einen Bach. Sie liegt in einer Kurve.
Ein Geländer grenzt sie nach den Seiten ab. Zumeist sind
es Autofahrer, die die Brücke queren. Für sie ist es praktisch
unmöglich, die Arbeit Paul Isenraths zu sehen, geschweige
denn wahrzunehmen. Denn die Arbeit ist ein
aufgesetzter Handlauf an dem Geländer. Leicht nur hebt
er sich ab von der vorfabrizierten Höhe, bildet lediglich
einen kleinen Spalt fürs Licht, schwebt gleichsam über
dem Geländer. Ein bloßes Stahlband – wäre da nicht am
Ende ein kleines Becken in den Stahl getrieben, in dem
sich Regen- und Tauwasser sammelt; ein bloßes Stahlband
mit kleinem Wasserbeckchen – mündete ins Wasser
nicht ein Worteband, mündeten nicht die folgenden Worte
in den Spiegel, die Isenrath zu einem Satz gebaut ins Stahlband geformt
hat: Gewicht ? Balance ? Lage ? zerfließen zum Sammeln ? nachgebend
? scheinbar ohne Form ? formen seine Spiegel die Kräfte
Beide Arbeiten von Paul Isenrath spielen mit der Flüchtigkeit, die dem
Menschen eignet, wenn er spazieren, wenn er zur Entspannung in die
Natur hinaus geht. Dieser Flüchtigkeit kann man etwas entgegensetzen,
indem man die Aufmerksamkeit erfordert, sie erzwingt. Man kann die
Aufmerksamkeit aber auch hinter der Flüchtigkeit als ein nur Verborgenes
voraussetzen und "nur" darauf hoffen, sie zu erregen. Letzteres tut
Paul Isenrath. Ja, er erhebt dies sogar zum Kunstprinzip. Er holt den Betrachter,
den Spaziergänger und Wanderer da ab, wo dieser mit offenem
Auge verloren plötzlich sieht, wo dieser aus seiner Flüchtigkeit gerissen
angehalten wird aufzumerken, wahrzunehmen, zu sinnieren ?
Raimund Stecker
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