Kazuo Katase | Bildstock (dem Namenlosen Gott) | 1987
1875–200 / 50–100 / 4000 cm
Ziegelmauerwerk, Betonguß
Geht man den Weg das ›Tal‹ entlang, von Süden nach
Norden, öffnet sich hinter einem kleinen Wald die Weite
der Felder. Zur Linken in der Senke fl ießt der Bach, zur
Rechten steigt eine Böschung. Schon aus der Ferne bemerkt
der Wanderer hinter einer der zahlreichen Hügelkuppen
den Vorsprung einer steinernen Plastik. Mit ihrer
oberen Kante nimmt sie die Linien der Landschaft auf und
legt sich zugleich dem Verlauf des Tales entgegen. Näherkommend
erkennt man ihren gemauerten Sockel aus
Ziegelwerk, auf dem ein langgestreckter Körper aus Beton
ruht.
Die eindrucksvolle Masse der Plastik und die Rätselhaftigkeit
ihres Äußeren lösen sich von der Schmalseite her auf.
Von dort aus erinnert der Umriß des Betonkörpers an die
vereinfachte Front eines Hauses. In ihrer Mitte deutet
eine kleine giebelförmige Nische Einblick und Ort dessen
an, was in dieser Behausung bewahrt wird.
Blickt man hinein, zeigt sich nichts. Die leere Öffnung
setzt sich in einem ansteigenden Schacht durch den Beton
fort. Ein Blick, und das Auge hat den engen Gang
durchmessen. An seinem Ende zeigt sich, gerahmt von
der schmalen Silhouette der giebelförmigen Öffnung,
ein Bild vom Himmel, ein Bild von ziehenden Wolken und Vögeln, die
aus den Feldern steigen.
Kommt der Vorübergehende von der anderen, der höhergelegenen
Seite an die Plastik heran, wird sein Blick nach unten auf die Erde gerichtet.
Eingebettet in Grün spielt das Licht auf der Oberfl äche des Wassers.
Anstelle der offenen Weite des Himmels füllt die Nähe der vielgestaltigen
Natur das Blickfeld. Aber wieder faßt das Auge nichts Bestimmtes.
Das gesehene Bild erscheint gerade in seiner Ausschnitthaftigkeit über
seine Begrenzung fortsetzbar.
Kazuo Katase nennt seine Arbeit: "Bildstock (dem namenlosen Gott)".
Bildstöcke, wie man ihnen als aufrechte Wegmarken in der Landschaft
begegnet, befi nden sich meist an ausgezeichneten Orten. Mit Darstellungen
der Heilsgeschichte oder des Gekreuzigten bieten sie Anlaß
zu Gebet und demütigem Eingedenken. Hier aber fügt sich eine nach
außen verschlossene, im Inneren leere Plastik fl ach in die Weite des Tals
ein. Ihre Form erinnert ebenso an fernöstliche Schreinarchitekturen wie
an Vertrautes, an einen Sarg oder ein Krematorium, Zeichen für Sterben
und Aufl ösung. Doch die plastische Gestalt verändert sich in ihrem Verlauf.
Dem Tal zugewandt, lagert sie in der Breite und steigt dem Berg zu,
sich nach oben verjüngend, an. Sie vollzieht eine transzendierende Gebärde,
die Erde und Himmel verbindet.
Innehaltend wird der Wanderer in diesen Vorgang einbezogen.
Auf der Erde stehend, hebt sich sein Blick zum
Himmel, von oben fällt er auf die Erde zurück. So erweist
sich die aus Stein gemauerte und in Beton gegossene
Plastik als Medium, das Auge zu lenken. Der schmale
Schacht richtet und konzentriert den Blick. Die vertraute
Umgebung erscheint durch den hohlen Gang entfernt
und zugleich in ihrem eigentlichen Wesen offenbar. Denn
sehend, durch die Leere, läßt der Betrachter seinen Körper
hinter sich, verbindet sich mit dem Erschauten, löst sich
auf, wird selber Teil desselben.
Die Plastik ereignet sich im Bewußtsein, in der Erfahrung
der Allgegenwart und Geistigkeit der Schöpfung. An die
Stelle eines göttlichen Standbilds tritt die transzendierende
Kraft des Auges.
Marietta Johanna Schürholz
– Sich sehend im Gesehenen verlieren –
erscheint nicht von dort,
von der Weite des Blaus,
Beschränkung in Körper und Plastik?
Erscheint nicht von hier
die Leere,
als wahre, lang entbehrte Behausung? |