Jan Leven | Ohne Titel | 2001
Kupfer
45 / 93 / 0,5 cm
Was war wohl zuerst da, das Vogelnest oder Jan Levens
namenlose Plastik ? Auf einer kleinen Anhöhe, unter dem
Dach von Claus Burys "Haus des Hasselbacher Reiters"
haben Natur und Kunst in unmittelba rer Nachbarschaft
Quartier bezogen. Manchmal muß man sich – erst recht
hier ›im Tal‹ – auf die Suche begeben, um die Kunst als
solche oder an ihren versteckten Plätzen ausfi ndig zu
machen. Der aufge scheuchten Amsel, die ich bei meinem
Nähern aus ihrem Unterschlupf vertreibe, wird´s freilich
egal sein, ob sie sich in oder neben einer künst lerischen
Arbeit eingenistet hat.
Hier oben, wo man den Blick gerne über die hügelige
Landschaft schweifen läßt, bietet sich Burys Holzverschlag,
jene eigenartig hybride Konstruktion aus Scheune,
Tribüne und Trojanischem Pferd, zunächst als ideale
Aussichtsplattform an. Wem kommt es dabei schon in
den Sinn, gleich unterhalb seiner Sitzfl äche eine weitere
künstlerische Inter vention zu vermuten?
Jan Levens Arbeit ist die einzige im Tal, die in einer anderen
plaziert ist und sich gleichzeitig in deren Schutz verborgen
hält. Sie zählt damit zu den zu rückgezogensten
und stillsten im gesamten Gelände. Selbst wenn man um ihre Existenz
weiß, begegnet man ihr erst auf den zweiten Blick im Halbdunkel in
einer Nische unterhalb der treppenförmigen Holzkon struktion, so daß
ihr der Charakter des "Sich-Nicht-Zeigen-Müssens" ge radezu wesenseigen
ist. Als ein kopfüber hängender Schneckenkegel, dessen patinierte
rötliche Kupferhülle eine nahezu perfekte Mimikry mit ihrer Umgebung
erzeugt, könnte man Levens organisches Objekt zunächst für eine Laune
der Natur halten. Ein ambivalenter Eindruck von Behaustheit und Abgestorbensein,
Verschlossenheit und "Sich-Öffnen-Könnens" geht von ihm
aus. Feuchtigkeit hat mit der Zeit die Zwischen räume des spiralförmig
gewundenen Metalls in eine helle Kalkfuge ver wandelt, die sich mit den
durchscheinenden Licht schlitzen des Bretter verschlags optisch in Beziehung
setzt. Für die Form des Schneckenkegels existieren grundsätzlich
nur zwei Möglichkeiten seiner Verortung: das Hinstellen auf den Boden
oder Aufhängen an Wand oder Decke. Leven hat sich für Letzteres entschieden, mit der Folge, daß das Objekt mit seiner "Behausung" aufs
Engste verbunden ist. Um Levens Schneckenkegel als Ganzen zu betrachten,
muß man sich wie ein Natur- oder Höhlenforscher in gebückte Position
begeben und über Stützbalken hinweg unter die "Seitenschiffe"
von Burys Gehäuse klettern. Möglich, daß die (in der Geschichte der
Skulptur ungewöhnliche) "Deckengebundenheit" des Objekts seine Anbringung
in einer unteren Nische des treppenförmigen Baus erfordert,
um den Charakter eines Ausstattungsgegenstands zu vermeiden. Vielmehr
wird hier, wo Skulptur und Betrachter ihren Raum
für sich haben, auch ein intimerer Dialog möglich.
Levens Skulptur gibt ihr Innenleben nicht preis, ihr Einblick
bleibt dem Gegenüber verwehrt. Auch in dieser
Hinsicht scheint sie sich abermals zu schützen. Stattdessen
lässt sich beispielsweise beobachten, wie sich an ihrer
Außenhaut kondensierendes Wasser entlang der Spiralwindun
gen zum tiefsten Punkt abgeleitet und in stetig
zu Boden fallenden Tropfen einen eigenen Zeittakt ausbildet:
unbeabsichtigte, aber keine zufällige Interaktion
mit der Natur.
"Jede Form bewahrt Ihr Leben", schreibt Gaston Bachelard,
der in seiner Poetik des Raumes eine Art "Ästhetik des
Versteckten" entwirft. "Wenn das Leben nach Wohnung,
Schutz, Deckung, Versteck sucht", entfaltet die Vorstellungskraft
angesichts auch noch so peripherer Symobolräume
ihre "innere Unermesslichkeit".
Jan Levens Arbeit, gleichsam ein Gehäuse im Gehäuse,
schöpft ihre leise poetische Kraft aus dem Zusammenwirken
tektonischer Elemente mit den natürlichen Prozessen
und Einfl üssen ihrer Umgebung. Sie gibt zugleich ein treffendes
Beispiel dafür ab, wie sich Kunst, auch wenn sie öffentlich ist,
selbst ihre eigenen Schutzräume ausbilden kann. Natur erhalt durch
Kunst und Kunsterhalt durch Natur verschränken und be dingen sich
wechselseitig.
Justus Jonas |