Wolfgang Luy | Ohne Titel | 1990/91
Platz, kreisförmig | Ø 1450 / 1250 cm
Brüstung | 120 / 270 / 15,5–8 cm
Korb 40 / Ø 45 cm
Stufen je 13 / 36 / 140 cm
Hecken, Bruchsteine, Eisen verzinkt, Bronze
"Aus einem Sklaven der Natur, solange er sie bloß
empfi ndet, wird der Mensch ihr Gesetzgeber, sobald
er sie denkt. Die ihn vordem nur als Macht beherrschte,
steht jetzt als Objekt vor seinem richtenden Blick." ¹
Wolfgang Luy ist an den vielfältigen Dimensionen von
Natur interessiert. Ihnen nähert er sich, sie aus den verschiedensten
Blickwinkeln umkreisend, an. Dabei stellt er,
den Standpunkt refl exiver Distanz einnehmend, präzise
Fragen. Sie thematisieren die Praxis der Kunst und den
zeitgenössischen Umgang mit Natur, sowie das Verständnis
beider in Beziehung zum handelnden Individuum und
zur Gesellschaft. Er arbeitet mit ineinandergreifenden
prozessualen Gleichungen und Gleichnissen.
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Die Natur als Bild. Das Bild der Natur. "Schön ist ein Naturprodukt,
wenn es in seiner Kunstmäßigkeit frei erscheint.
Schön ist ein Kunstprodukt, wenn es ein Naturprodukt frei
darstellt." ²
Die gleichwohl aufklärerischen wie idealistischen Überlegungen
Friedrich Schillers sind zu einer Zeit angestellt
worden, in der bereits das Selbstverständnis des Menschen,
ursächlicher Teil der Natur zu sein, verloren gegangen
war und die objektivierende Naturerforschung die
subjektive Naturerfahrung abzulösen begonnen hatte.
Übertragen auf die Arbeit von Wolfgang Luy besitzen sie
nach wie vor ihre Gültigkeit. Die Kunst als Vermittlerin
zwischen der Vorstellung von Natur und dem direkten,
sinnlichen Erleben in und an ihr.
Lange hat die Landschaftsmalerei den Gegenpol zur – Freiheit verheißenden,
dabei den Verlust von Identität nach sich ziehenden – Verdinglichung
und Aneignung von Natur gebildet. Ideal, romantisch oder realistisch,
in jedem Fall aber ist sie nur visuell ästhetisch vergegenwärtigt
worden. Luy jedoch schafft einen wirklichen Ort in der Natur und mit der
Natur. Er stellt nicht bloß dar, sondern läßt eine von ihm gewählte und
bis zu einem gewissen Grad mit skulpturalen Mitteln vorformulierte,
inszenierte Situation sich entwickeln. Der Ausgang aber ist offen und
hängt von Faktoren ab, die dem Zugriff des Künstlers entzogen sind.
Der höchste Punkt des zum ›Tal‹ gehörenden Geländes zeichnet sich bereits
durch besondere Gegebenheiten aus, die natürlich wie künstlich
sind. Da gibt es einen alleinstehenden, von weitem sichtbaren alten
Baum und einen Durchfahrtsweg. Beide integriert und involviert Wolfgang Luy symbolhaft in seine Arbeit. Gedanklich wie formal sind sie
Schlüsselelemente, an deren Bedeutungen Luy anschließt und um die
er im wahrsten Sinne des Wortes Kreisfi guren legt. Dieselben sind real
und imaginär und durchdringen sich mit ihren jeweils anders gelagerten
Zentren und Achsen gegenseitig. Das Kunstwerk ist kaum als solches
auszumachen, will als dieses allein auch nicht verstanden werden. Vielmehr
liefert es Angebote, die den Betrachter zum Akteur werden lassen.
Er wird, ohne es möglicherweise vorerst zu bemerken, zum ebenfalls
thematisierten Bestandteil der Skulptur. Diese ist als ein
Platz mit unterschiedlichen Bedingungen und Erlebnishorizonten
ausgewiesen. Die Möglichkeit, auf die plastischen
Denkvorgaben zu reagieren, sie aufzugreifen, weiterzuspinnen
und auf sich bezogen zu erfahren, steht
jedem frei.
Einladend winkt der Bereich um den Baum, der teilweise
von einem kurzen, bogenförmigen Metallgeländer eingefaßt
wird. Verführerisch könnte sein Codewort "in Ruhe
verweilen, die Aussicht genießen" lauten, würde es sich
nicht im selben Augenblick wieder zurücknehmen. Denn
gerade die artifi ziell trennende wie verbindende Zäsur
inmitten der Natur bewirkt ein Innehalten im Akt des sich
Hingebens an die Landschaft, im Akt des in sich Aufnehmens
der Landschaft. Sie läßt den Betrachter zur Staffagefi
gur eines Bildes werden, der seinerseits ein Bild betrachtet.
Ihm wird der Part des sich nach Ursprünglichkeit
sehnenden und Einheit mit den Kräften der Natur suchenden
Städters und intellektuellen Kunstliebhabers zugespielt,
der aufgeladen mit Vorstellungen und Erwartungen
die Szenerie betritt. Der erhabene, pittoreske Punkt
und der auf Pittoreskes gelenkte Blick gerinnen ebenso zu Metaphern,
wie die wilde, sich frei entfaltende Natur, die sich beim Überdenken des
Sachverhaltes wiederum als Klischee entpuppt. Vom Menschen gestaltet,
geformt und hinsichtlich seiner Zwecke bearbeitet, tritt sie uns als
gezähmte Landschaft, als kulturelles Produkt entgegen.
Den Betrachter abermals einen anderen Standpunkt einnehmen lassend,
steht auf der gegenüberliegenden Seite des Weges, der den ansonsten
mit Natursteinen bepfl asterten Platz kreuzt, ein bronzener Korb voller
Früchte und Blätter aus Bronze – wie zufällig abgestellt, vergessen. Ein
industriell gefertigtes, die Natur nachahmendes Stilleben, das Lebendiges
einfriert. Es ist ein Bild, das über die Imitation von Realität berichtet.
Als solches verweist es nicht nur auf die durch Handeln erwirkte
Normalität und Autonomie der Dingwelt, sondern darüber hinaus auf
die Tatsache, daß Naturprozesse jeglicher Art – von der Pfl anze bis zum
Menschen – bereits technisch reproduzierbar sind.
Daß vor diesem sich bewußt zu machenden Hintergrund ein zeitgemäßes,
direktes Gespräch zwischen Mensch und Natur aufgenommen
werden kann, schließt Wolfgang Luy nicht aus. Vielmehr fordert er etwas
heraus, das, mit seelischer Erlebensqualität umschrieben, die Begegnung
mit Natur wie mit Kunst für den Menschen beherbergen kann.
Dieses Etwas geht über Sentimentalität und touristischen Erholungswert
von Landschaft ebenso weit hinaus, wie über ein ästhetisches Vergnügen.
Entwickeln kann es sich allerdings erst aus einem refl ektierten
Mit- und nicht aus einem Gegeneinander.
Drei künstlich angelegte Hecken, die auch künftig hin überschaubar
bleiben werden, begrenzen im Verein mit natürlichem Bewuchs den
Platz. Gemeinsam formen sie die Skulptur und ihren schützenden Raum.
Er ist von der Institution Kunst alleine kaum mehr zu vereinnahmen.
Denn die Arbeit knüpft Verbindungen und stellt vernetzende Beziehungen
zwischen verschiedenen Disziplinen und Kontexten her. Die
Kunst ist ein Teil davon. Sie ist kein Störfaktor des ökologischen Systems,
sondern dieses wird als ein steten Veränderungen unterliegendes Material
der Gestaltung mit benutzt. So setzt sich Wolfgang Luys Platz aus
vielen Elementen und Versatzstücken zusammen. Analogien und zugleich
Realien der Prozesse von Formwerdung und Wachstum, der Bedingungen,
die Zivilisation und Natur entstehen lassen, der Vorstrukturierung
von Blicken und Haltungen.
Was der Künstler bislang in zahlreichen skulpturalen Modellen gedanklich
niedergelegt hat, ist hier im ›Tal‹ verwirklicht. Entschieden präsentiert
sich der geschlossene, wie offene, sich absetzende, wie intervenierende
Ort als Ort des Verweilens und Besinnens, des Empfi ndens und
Erfahrens, des Durchmessens und Durchschreitens. – Trotz und gerade
wegen seines Ausgewiesenseins als ein auf der Idealform des Kreises
basierenden Konstruktes. Eines Konstruktes, das es uns möglicherweise
erlaubt, kosmische Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen als Grundlage
des Lebens begreifen zu können. – Eine irreale Gegenwelt zur elektronischen
Wirklichkeit.
Beate Ermacora
1. Friedrich Schiller: Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik. München 1975
(5. Aufl .) 1984, S. 214. 2. Ebda., S. 37.
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