Ansgar Nierhoff | Beziehungen gegen Bedingungen Zwei Streckungen über (eine) Achse auf fremdem Gebiet | 1987
Zwei geschmiedete, gegenläufi ge Streckungen, mittig abgesetzt.
Höhe 4050, Durchmesser bzw. Quadrat 16/20 cm
Stahl
"Skepsis ist die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von da aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten
Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen."
(Sextus Empiricus, 200–250 n.Chr.)
Das Wort "Skepsis" (im heutigen Sprachgebrauch "Zweifel, Bedenken auf Grund sorgfältiger Überlegung") hat seine Wurzel im Griechischen und geht auf die Bezeichnung
der Tätigkeit des Schauens, Spähens und Beobachtens
("skeptesthai") zurück.¹
Die zweiteilige Skulptur "Beziehungen gegen Bedingungen"
von Ansgar Nierhoff fügt sich in die Niederung des
weitläufigen und nur auf Hügelhöhe ansteigenden Geländes
des Hasselbacher/Werkhausener Tals. Die beiden
Eisenstelen erheben nicht den Anspruch, von weither
sichtbare Landmarken zu sein. Die örtliche Situation kann
von dem umherwandernden Besucher erst allmählich
visuell und räumlich erschlossen werden. Verdichten sich
in der Senke die Linien der mit Holzpflöcken umgrenzten
Wiesen noch zu einem aus der Ferne kaum entwirrbaren
Grenzdurcheinander, so klären sich die Verhältnisse bei
näherem Hinsehen:
Die Wiesen stoßen hier im Talgrund als arithmetisch unregelmäßige
Flächen aneinander. Für den Ort der Skulptur
ergibt sich die besondere Situation eines spitzwinklig
auslaufenden Feldendes, das sich wie ein Keil zwischen
zwei weitere Grundstücke schiebt. Zum Zeitpunkt des Entwurfs der
Plastik war dieses Zipfelchen Erde noch nicht in das Territorium ›im Tal‹
eingegliedert, es stellte de facto "fremdes Gebiet" dar. Dieser äußere
Anlaß lieferte dem Bildhauer eine der Bedingungen für seine Arbeit:
Zwei massive Eisenelemente sind in den Winkeln der jeweils benachbarten
Felder so aufgestellt, daß sich zwischen zwei Polen eine imaginäre
Achse über das nicht zugehörige Areal bildet. Die Beziehung (Achse),
überbrückt die vorgegebene Bedingung (Parzellenform).
Beziehungen sind nicht nur an der Wahl der Aufstellungsorte ablesbar,
sondern auch an der Form der Werkstücke. An den Stelen selbst und
ihrem Verhältnis zueinander ist ein sich konträr ergänzender Formenkanon
entwickelt: Eine der Streckungen geht vom zylindrischen Werkstück
einer massiven Welle aus, die auf halber Länge zu einem Pfeiler
mit quadratischem Querschnitt geschmiedet ist. Das Pendant ist aus
einer quadratischen Bramme entwickelt, die von einer mittleren Absetzung aus in der oberen Hälfte eine säulenförmige, runde Form annimmt.
Die zwei fertigen Werkstücke sind schließlich gegengleich aufgestellt,
so daß sich nicht nur im einzelnen Element, sondern über die räumliche
Entfernung hinweg Säulen- und Pfeilerschaftstücke komplementär
entsprechen. Nierhoff geht auch in dieser Plastik² von seiner bildhauerischen
Idee des "Potentials" aus: Eine Form ist als Möglichkeitsform in
einer anderen denkbar. Die an der Oberfl äche des Materials nachvollziehbaren
Schmiedeschläge lassen am einzelnen Stück den Arbeitsvorgang
deutlich werden: Der Prozeß, wie aus einer Form
eine andere werden kann, ist als zeitliches Geschehen in
den einzelnen Hieben erstarrt und zeigt als "Bild" die Idee
einer potentiellen Veränderbarkeit.
Der objektiven, technischen Beschreibung der Werkstücke
und ihrer Aufstellung steht die individuelle Wahrnehmung
des Menschen gegenüber. Dadurch, daß der
Betrachter beide Stücke nicht direkt nebeneinander
sehen kann, sind präzise Form- und Maßstabsvergleiche
innerhalb der Arbeit erschwert. Die Vorstellung, wie eine
Form möglicherweise aus dem Volumen einer anderen
entwickelt werden kann, und wie sie sich zu ihrer gegensätzlichen
Ausprägung der jeweils anderen Streckung verhält,
kann gedanklich nachvollzogen werden.
Beide Streckungen befi nden sich im Gelände auf absolut
gleichem Niveau. Der Vergleich beider Stelen muß wegen
ihrer räumlichen Entfernung aber immer subjektiv ausfallen:
Die perspektivische Verkürzung läßt die weiter
entfernt stehende Streckung optisch kleiner wirken, auch
wenn identische Höhe und Aufstellung bekannt sind. Bei
der Betrachtung einer Stele wird die an der anderen gewonnene
Erfahrung erinnert und die momentane Wahrnehmung durch
das Wissen der vorab gemachten Kenntnisse angereichert.
"Beziehungen und Bedingungen" ergeben sich nicht allein werkimmanent
zwischen Form- und Raumbezügen beider Streckungen, sondern
auch zwischen Werk und Betrachter. Die formal vom Künstler vorgegebenen
Tatsachen und Entsprechungen regen die Wahrnehmung des
Betrachters an, er macht räumliche und zeitliche Erfahrungen, indem er
von einem Element zum anderen geht, Korrespondenzen entdeckt und
Erscheinungen gedanklich ergänzt. Er refl ektiert die vom Künstler geschaffene
Situation und setzt diese in Bezug zu seinem Körper. Die Höhe
der jeweiligen Absetzung von runder zu eckiger Form entspricht einer
gefühlsmäßigen menschlichen Größe. Der Rezipient wird sich selbst als
mobiles Element in einer polaren Situation bewußt. Durch die eigene
Wahrnehmung und die subjektive Sichtweise (unterschiedliche Standorte)
werden tatsächlich vorhandene und erlebte Beziehungen relativ,
es ergibt sich ein "Umschlagen der Wahrnehmungen"³, vermeintlich sicher
Geglaubtes wird anzweifelbar, rational Dargestelltes irrational. Keine
Beziehung ist mehr konstant, die Bedingungen sind nunmehr auf den
menschlichen Körper bezogen und nicht allein formal und werkimmanent.
Der Mensch erfährt sich als Teil einer Gegebenheit, er ist Teil der
Welt, die sich ihm in unterschiedlichen Relationen darbietet und erklärt.
Wie vom Künstler schon sehr früh geäußert, geht es ihm in seinen Arbeiten
um "Beziehungen zwischen Bezeichnungen und dem (Bedeutungs-)
Umraum"&sup4. Ansgar Nierhoff erschafft durch seine Setzungen (die
beiden Eisenstreckungen) einen Ort in der Landschaft und macht diese
erfahrbar. Dabei geht er sehr vorsichtig vor: "Man kann/darf nicht gegen
Landschaft angehen."5 Geschärft im Sehen und in der Wahrnehmung
betrachtet der Mensch nicht nur den Ort der Skulptur; in der Talsenke
stehend wird das bezeichnete Gebiet zum erfahrbaren Mittelpunkt,
der geradezu einlädt, rundum in die Landschaft zu spähen. Vollkommen
neue Landschaftserlebnisse bieten sich dem Blick an: Die Sicht nach
Süden orientiert sich an den beiden Stelen, ferne Bergrücken umfangen
die künstliche Form. Eine weiter weg liegende, bewaldete Kuppe wird
optisch als korrespondierende Fläche zur Eisenstreckung gelesen; es ergibt
sich ein Spiel von fl ächig wahrgenommenen Hügelformen, die Landschaft
schrumpft auf Papiertheaterräumlichkeit. Mit jedem Schritt des
Betrachters ändert sich die Szenerie. Eine der Eisensetzungen stößt gar
aus der Kontur der Landschaft hinaus, das obere, runde Eisenstück scheint
sich himmelwärts zu schrauben, während das Pendant der anderen Stele
von der Last des oberen Pfeilerstücks in den Boden gerammt scheint.
Man meint, Bewegung zu verspüren – und weiß doch: beide Streckungen
gleichen sich in Maß, Proportion und statischer Aufstellung.
Wie anders präsentiert sich beim Herumlaufen der Blick in die entgegengesetzte
Himmelsrichtung, zur kleinen Landstraße hin: Die perspektivische
Verkürzung der hinteren Stele scheint extrem, aber die jeweiligen
mittleren Absetzungen bilden überraschenderweise ein Niveau. Die
waagerechte Achse zwischen beiden ist leicht assoziierbar und läßt an
Horizont denken, an eine Gerade, die Himmel und Erde trennt. Doch die
rundum gemachten Erfahrungen, das Erleben der sich ständig ändernden
und wechselseitig abhängigen Beziehung, belehren den Betrachter
eines Besseren: Bei der Horizontalen kann es sich nur um eine Vorstellung,
ein Ideal handeln. Vorstellung und Wirklichkeit werden als nicht
übereinstimmend vorgeführt.
Der "skeptische" Blick des Betrachters, sein vielfältiges Ausloten der Verbindungen
zwischen tatsächlich Vorhandenem und subjektiv Wahrgenommenem
führt zu keiner endgültigen Stellungnahme, keiner gesicherten
Erkenntnis. Beziehungen setzten sich über Bedingungen hinweg.
Die Bedingungen sind dabei so vielfältig wie die Möglichkeiten ihrer Er
fahrbarkeit; räumliche oder jahreszeitliche Veränderungen messen sich
an Nierhoffs Plastik ebenso wie der Mensch in seiner jeweils individuellen
Verfaßtheit. Die Menge der unter den Bedingungen aufstellbaren
Bezüge ist kaum bestimmbar. In dieser Menge wird auch die einzeln
gemachte Erfahrung relativiert und fügt sich zu einem großen Gesamteindruck:
Der Mensch fi ndet zwischen Kunstwerk und natürlicher Landschaft
seine "Seelenruhe".
Eva Meyer-Hermann
1. Vgl. Duden, Bd. 7: Das Herkunftswörterbuch. (2., erw. Aufl.), Mannheim 1989. 2. Übergreifende
Betrachtungen zum OEuvre (E. Trier, L. Romain, H. Wiesler, G.-W. Költzsch, u.a.). In: Eisenzeit,
Ausst.-Kat. Saarland-Museum Saarbrücken 1988. 3. Ansgar Nierhoff im Gespräch mit der Verfasserin
am 7.3.1992. 4. Zit. n. Eduard Trier. In: Eisenzeit, a. a. O. Anm. 2, S. 17. 5. Siehe Anm. 3.
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