Quartier Vier | step light | 2000
100 / 100 / 20 cm
Glykol, Pigment, Edelstahl, PE-Folie
Frische Fährten
oder: Leuchtspurschritte im Wald
"Beam me up, Scotty!" Auf einem der ansteigenden Wege
durch den Birkenwald der "Mihr" trifft man auf einen unerwarteten
Ort, ein exaktes Quadrat, eine unwirkliche
Plattform, ein Fremdland im Waldboden: Zunächst blau,
still leuchtend, zeigt sich eine unter den Füßen ganz leicht
wabernde Plastikoberfl äche im Humus. Verlässt man die
Fläche, so blickt man auf seinen letzten Schritt zurück, der
eine eigentümliche Dauer erhält. Man sieht seine eigene
Spur als frische Fährte. Ein Fußabdruck bleibt leuchtend
weiß zurück.
"Da war jemand!" Von Eckers Schrei im Kanalschacht
kommend, geht man den eher steilen Hang der "Mihr"
hinauf und trifft auf Spuren. Bisher hatte man keinen
Mitgänger, hatte nichts gehört und jetzt steht man vor
mehr oder weniger eindeutig als Fährten von Wild und
Mensch identifi zierbaren Spuren. Hell weiß leuchten
diese aus einer blauen Fläche, die mitten im Weg liegt.
Vielleicht ein Hase, vielleicht sogar ein Fuchs und ganz
sicher ein weiterer Spaziergänger im ›Tal‹. Dr. Watson
jedoch hätte keine Chance, Gipsabdrücke zu nehmen,
denn bevor man sie eindeutig identifi ziert hat, werden
die Spuren undeutlich und verschwinden.
"Step light" ist der Titel dieses Prototypen, einer interaktiven "Beleuchtungsform
für öffentliche Räume, die dynamisch auf alltägliche Prozesse
... reagiert. "Step light" ist ein homogen leuchtender Oberfl ächenbelag,
auf dem Bewegung sichtbar wird. In unmittelbarer Reaktion auf
den Passanten wird Licht durch leuchtende Fußspuren erzeugt. "Step
light" ist Projektions(- oder Erinnerungs)fl äche dessen, was vor zehn
Minuten geschah. Ein Ort, der immer in einem anderen Licht erscheint."¹
"Step light" lässt sich in zwei Funktionseinheiten gliedern: Leuchtkasten
und Oberfl ächenbelag. Dem Oberfl ächenbelag aus einer ultraschallverschweißten,
doppellagigen Folie aus dauerelastischem, abriebfestem
und UV-beständigem Kunststoff ist eine zähfl üssige, frostsichere Glykolschicht
eingelagert. Diese kann in unterschiedlichen Tönen gefärbt oder
auch in neutralem Grau gehalten werden. Als Farbstoff wird flüssige
Pigmenttemperation zugesetzt. Der Leuchtkasten besteht aus Edelstahl
und wird mit einem Sicherheitsglas abgedeckt. Bei Belastung der Fläche
durch Fußgänger, Paarhufer, Schalenwild wird das Glykol verdrängt und
lässt das darunter liegende Licht ungehindert durch die Folien scheinen.
Der Abdruck wird zur temporären Lichtquelle. Diese erlischt langsam
durch das Zurückfl ießen des trägen Glykols. Jeder Spaziergänger hinterlässt
je nach Geschwindigkeit gut sichtbare Leuchtspuren: "Nachrichten
in Leuchtschritt-schrift werden übermittelt." (C. Siebeck, quartier vier)
Ein Quadratmeter "Step light" reicht an dieser Stelle bereits,
um die formalen wie inhaltlichen Qualitäten dieses
ursprünglich für größere Platzanlagen im urbanen Kontext
entwickelten Bodenbelages erlebbar zu machen. Die
kleine Fläche wird zu einem Informationsträger, einer
Speicherplatte, einem Erinnerungsort – auf (Kurz)Zeit. Nie
wird man bei seinen Gängen durchs ›Tal‹ und über "Step
light" den gleichen Zustand wiederfi nden wie bei der
letzten Überschreitung. Insofern sammelt "Step light"
zwar Spuren, aber nur, um sie kurze Zeit später wieder zu
verlieren. Damit wird jedes Pathos vermieden zugunsten
einer so kurzen wie intensiven Verlängerung des Jetzt.
Die fünf oder zehn Minuten, in denen der Vorgänger gegenwärtig
bleibt, reichen, um die fremde blaue Fläche zu
einer idealen Projektionsfl äche für Irritationen, Fragen
und Fantasien werden zu lassen. Die Suche beginnt!
Jörg van den Berg
1. quartier vier "Step light", Wettbewerbsunterlagen für den Wettbewerb ›Nachtlux 2000 – Licht im
öffentlichen Raum‹ ; Auslober: Stadtplanungsamt Köln, 2000)
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