Norbert Radermacher | Der Ring | 1995
Ringdicke 17 cm | Außenmaß Ø 110 cm
Eisen verzinkt, mit Blattgold belegt
Reden ist silber?
Ich gehe, gehe durchs grüne Tal, bewege mich nördlich,
flußaufwärts. An der östlichen Flanke des ›Tals‹ und in
seiner Nord-Süd-Erstreckung, etwa auf halbem Weg, treffe
ich auf eine Baumgruppe, die mit einer annähernd
geschlossen Kontur ein Kreissegment in die Landschaft
setzt. In der Krone des zentralen Baums, einer dreistämmigen
Eiche, blitzt durch das Grün der Blätter ein goldenes
Etwas. Ich setze meinen Weg unterhalb der Baumgruppe
fort und kann es bald als Ring bestimmen. Ein
goldener Ring in der Krone einer Eiche. Dieses Bild überrascht.
Es scheint vollkommen neu und dennoch fühle ich
mich durch seine Poesie und Zeichenhaftigkeit zugleich
erinnert. Woran?
Radermachers Arbeit ist einteilig, doch was wäre "Der
Ring" ohne das Umfeld seiner Präsentation? Aus seinem
Kontext isoliert wird "Der Ring" zu einem schweigsamen
Objekt. Goldene Ringe sind uns in der Größe von Fingerringen
vertraut. Durch den verschobenen Maßstab wird
eine Verfremdung wirksam, die das Objekt aus den alltäglichen
Relationen der Umgangswelt befreit und in
Verbindung mit seinem landschaftlichen Kontext neue
stiftet. Der Gegenstand eröffnet in Korrespondenz mit seinem
unerwarteten Ort einen Spielraum für Gedanken, Vorstellungen,
Erinnerungen und Empfi ndungen. Für Beziehungen also, die zwischen
dem Betrachter und dem durch das künstlerische Objekt geschaffenen
Raum liegen und "Inter-esse" erzeugen.
Der goldene Ring schmückt die Eiche und hebt sie damit aus der Vielzahl
der Bäume im ›Tal‹ hervor. Ich bemerke, daß es sich um ein besonders
schönes Exemplar handelt, das seine Äste kraftvoll nach außen streckt.
Doch schon im nächsten Moment vermag der Vorgang des Heraushebens
dieser bestimmten Eiche, die Augen für die Spezies als Ganzes zu
öffnen: ins Bewußtsein gerückt werden Vitalität und Dauer der in
"Jahresringen" wachsenden Art, die als im Doppelsinne "überragende"
pfl anzliche Lebensform Landschaften prägt. Bäume vermitteln zwischen
Himmel und Erde. Durch die der Arbeit eigenen Blickführung hoch in eine
von Himmel umfangene Baumkrone, fi ndet diese Beziehung ihr Bild.
Der in seinem Maßstab auf die Größe des Baums abgestimmte Ring suggeriert
seine Zugehörigkeit, die in der realen Erfahrungswelt jedoch keine
Entsprechung fi ndet. Durch ihr ungeahntes Zusammenspiel fühlt
man sich dem Ursprung von Poesie nahe, verstanden als Hervorbringen
und Geschehnis und nicht als pures Machen.
Vom Ring, so im Baum hängend, geht etwas Magisches aus. Er läßt mich
an Märchen denken, die ihm Zauberkraft zusprechen. Dazu gehört, daß
er an seinem luftigen Ort vielleicht bislang unbemerkt, so
doch als schon immer da gewesen scheint. Man möchte
ihn eher als "Zeichen von oben" sehen. Wir wissen: auf die
Erde gebracht, hätte er seine Aura verloren.
In unserem Kulturkreis steht der goldene Ring als Zeichen
eines geschlossenen Bündnisses. Es stellt sich die Frage,
was für ein Bündnis und wer es mit dem Baum eingegangen
sei. Ich lese nach und stoße darauf, daß im Mittelalter
bei der Übereignung von Grundstücken ein goldener Ring
übergeben wurde. Der Besitzer des Rings war dann auch
rechtmäßiger Eigentümer des Grundstücks, und man
möchte hinzufügen der darauf stehenden Bäume. In dieser
Hinsicht scheint das Eigentum an den Baum zurückgegeben.
Man könnte es als Hinweis darauf nehmen, daß
Bäume immer auch sich selbst gehören. Der Ring ohne
Anfang und Ende symbolisiert Zeit und ihren Kreislauf in
Jahreszeiten. Ich stelle mir den Ring im Winter vor. Nun
hängt er weithin sichtbar im kahlen Geäst, dabei nicht
minder geheimnisvoll. Man kann in diesem Ring eine
raum-zeitliche Zentrierung des ›Tals‹ erblicken.
Auch wenn der Künstler nicht all diese Dinge im Sinn hatte,
als er der Eiche einen goldenen Ring hinzufügte, so sind sie doch Teil
des Konzepts, in dem Radermacher hier ebenso wie in seinen für den
Stadtraum entstehenden Arbeiten, Gegenstände wählt, die in zahlreichen
Kulturen und Epochen präsent sind und so in unterschiedlichster
Weise zum "gedanklichen Auffüllen" anregen.
Christiane Schön |