Carola Schnug-Börgerding | Für Ulla | 1986
0 / 70–3300 / 635 cm | 70 / 800 / 360 cm
Ziegel, Granit, Basaltlava, Buchsbaum und wechselnde Bepflanzung
Menschen prägen Landschaften
und Landschaften sind ihre Heimat.
Ende des Jahres 1982 kehrte ich nach Studium und ersten
Berufsjahren in meine Heimatstadt zurück, um als freischaffende
Landschaftsarchitektin zu arbeiten. Die Beziehung
zu Landschaft und Menschen im Westerwald
waren der Grund, ausschlaggebend jedoch der Kauf eines
Anwesens, das Raum bot, unsere Vorstellungen von Leben
und Arbeiten zu verwirklichen. Diese Keimzelle zog
nach geraumer Zeit auch den Ehemann – einen standorttreuen
Südoldenburger – in den Westerwald.
Die beginnende Gestaltung unseres Terrains war Anlaß
zur Begegnung mit Erwin Wortelkamp, der im Vorbeifahren
entdeckt hatte, daß sich vor den Toren Altenkirchens
etwas entwickelte, das sich vom vorzufi ndenden Muster
abhob. Dieses erste Kennenlernen war der Beginn einer
Freundschaft.
Das Interesse des Bildhauers an der Gestaltung in und mit
der Landschaft, die Idee des Gesamtkunstwerks, traf auf
mein grundsätzliches Anliegen als Landschaftsarchitektin,
heutige Landschaften unter dem Aspekt der Ästhetik
– der Wahrnehmung im eigentlichen Sinne – neu zu durchdenken
und zu gestalten. In der Tradition der Gartenkünstler
vom Gartenhistoriker Prof. Dr. Dieter Hennebo
unterrichtet, erweist sich für mich die Auseinandersetzung mit dem Thema
Skulptur und Landschaft – angesichts der Alltagsarbeit im Spektrum
kommunaler Auftragsarbeiten – als existentiell.
Wesentliche Erfahrung ist, daß die Grundzüge der Gestaltung klassischer
Landschaftsgärten und Parklandschaften anwendbar sind. Dennoch
ist der Ausgangspunkt und muß das Ergebnis vor dem Hintergrund
der Zeitgeschichte – mit den fortschreitenden Verlusten an Formen und
Funktionen von Landschaft – ein anderes sein. Die vorgefundene Landschaft
stellt die Grundlage eines Gartenraums dar. Entscheidend für
das Gelingen einer Gestaltung war für die Schöpfer der klassischen Landschaftsparks
die Ausnutzung der natürlichen Gegebenheiten, der sogenannten
"Gartenfähigkeit" eines Geländes, nicht die Anwendung eines
Schemas. Bei Humphry Repton (1752–1818) fi nden sich die Erfordernisse
einer vollkommenen Landschaftsgärtnerei formuliert:
1. Sie muß die natürlichen Schönheiten herausstellen und die natürlichen
Fehler jeder Situation verbergen.
2. Sie soll durch sorgfältiges Verkleiden oder Verbergen der Grenzen den
Anschein von Ausdehnung und Freiheit erwecken.
3. Sie muß jede, wenn auch noch so kostspielige Einmischung von Kunst,
durch welche die Szenerie verbessert wurde, gefl issentlich verstecken, so
daß das Ganze als alleiniges Werk der Natur erscheint.
4. Alle Gegenstände reiner Bequemlichkeit oder Behaglichkeit müssen,
wenn sie nicht verziert werden oder eigentümliche Teile der
Gesamtszenerie werden können, entfernt oder versteckt
werden.¹
Fern von der objektbezogenen planerischen Einzellösung
und ebenso von der berufstypischen Entwicklung von
Leitbildern, für deren Vollzug es keine politischen Mehrheiten
gibt, ergab sich durch die Initiative von Erwin
Wortelkamp die Möglichkeit, eine Landschaftsgestaltung
mit bildenden Künstlern zu versuchen.
Bildhauer und Landschaftsarchitekten sehen in der vorgefundenen
Landschaft das Ausgangsmaterial für ein
gemeinsames Werk. Bemerkenswert dabei ist, daß im
›Tal‹ Skulpturen nicht nur – wie in den Parks – die Funktion
der Staffage haben, sondern in ihrem Sein Raum bestimmen
oder in ihm entstehen.
Richtschnur unserer Arbeit war der Anspruch des Gartenkünstlers
Ludwig Sckell (1750–1823), indem er die Idee der
englischen Landschaftsgärten nach Deutschland brachte:
"Er (der Gartenkünstler) muß alles, was die Natur sowohl
im Innern als auch im Äußern bereits aufgestellt hat, mit
der strengsten Aufmerksamkeit aussuchen, prüfen und erwägen, was er
für seine Anlagen benutzen und anwenden kann." Als Problem erweist
sich heutzutage, daß die Eigentümlichkeit landschaftlicher Elemente
aufgrund der Intensivierung der Nutzungen und der Technisierung verloren
geht und die von Sckell gewünschte Prüfung sich zur Spurensuche
entwickelt.
Im Gelände zwischen den Dörfern Hasselbach und Werkhausen fanden
wir eine weite Talform in den devonischen Rumpf geprägt. Diese wird
von einem Bach durchfl ossen, zum Teil naturnah von Gehölzen gesäumt,
zum Teil begradigt in einen Graben gezwängt. Die nicht mehr wassergefüllte
Form eines Mühlgrabens liegt am Waldrand und spricht von der
ehemaligen Nutzung des Mehrbachwassers. Gräben führen, aus Baum
umstandenen Quellen, dem Bach das Wasser der Höhenrücken zu. Die
bewaldete Erhebung der "Mihr" säumt das Tal gegenüber der alten
Schule und deren Nachbarhaus. Sie beherbergt einen Steinbruch, ehemals
von den Dorfbewohnern genutzt, wie auch den Friedhof von Hasselbach.
Feldraine und Bäume sind nur spärlich vorhanden.
Das Bild der Landschaft erzählt die Geschichte vom Weg der bäuerlichen
Kulturlandschaft zur industriellen Agrarlandschaft, deren Gestalt sich an
der Maschine mißt. Das ›Tal‹ ist ein Abschnitt im Talsystem des Mehrbachs,
zwischen der Quellbachzone mit ihren naturnahen Sümpfen und
Erlenbruchwäldern – einzigartig im Niederwesterwald – und dem ebenfalls
naturnahen Mittellauf gelegen. Die Stärke des Geländes liegt im
Relief, dem Bach, den feuchten Senken und den Tümpeln. Die Äcker und
Grünländereien vermitteln den Eindruck der Weite, in der sich das Tal
verliert. Wir fassen das ›Tal‹ durch Baumreihen und Gehölzraine, zeichnen
seine Topographie nach und gliedern den Raum. Geschnittene
Hecken und architektonische Formen verweisen auf die wenigen vorgefundenen
oder eingebrachten naturnahen Gehölze.
So wie es erforderlich ist, das ›Tal‹ zu orten, ist auch seine Verankerung
in der Landschaft von Bedeutung. Zeichen der Zusammengehörigkeit
sind Säuleneichen und -hainbuchen – standortgerecht die Art, doch
zeichenhaft der Wuchs. Sie markieren Tore, Eckpunkte und Plätze im
›Tal‹. Bodenmodellierungen werden aus dem Relief entwickelt, vermitteln
zwischen Höhen und Senken, schaffen Flächen. Ihr Ursprung
bleibt dem Nichteingeweihten verborgen. Durch extensive Bewirtschaftung
der Wiesen verhelfen wir den natürlichen Gegebenheiten – dem
Boden, dem Wasser, der Vegetation – zur Geltung, bereiten Lebensräume
für Pfl anzen und Tiere vor. Mit der Intensivierung der Nutzung der
Landschaft gingen auch die Lebensräume der an die Kulturen gebundenen
Lebewesen verloren. Wiesen wurden dräniert, Quellen versiegten.
Welchen Artenreichtum fi nden wir dagegen am Mehrbach oder in den
liebevoll betreuten Tümpeln, Teichen und Sümpfen. Bei allen landespfl egerischen
Bemühungen im ›Tal‹ bleibt als zentrales Thema die Landbewirtschaftung
und dieses fi ndet sich auch in der Geschichte des klassischen
Landschaftsgartens.
Noch von Repton abgelehnt, erhält Mitte des 18. Jahrhunderts die Landwirtschaft
als Gestaltelement eingesetzt, um die formale Verbindung
zwischen Park und Landschaft zu unterstreichen. So stellt sich die Frage,
ob das ›Tal‹ in unserer Zeit zu einer Parklandschaft werden kann, in der
das Bild der bäuerlichen Kultur gestaltend bewahrt wird. Zeitgemäß
orientieren sich die verwendeten gärtnerischen Gestaltelemente am
ökologischen Potential.
Die zunehmende räumliche Verdichtung im begrenzten Talbereich führt
zum Landschaftspark, der sich aus der sonst anders gearteten Landschaft
ausnimmt. Schon Repton unterscheidet drei Distanzen: den Garten, den
Park und das offene Land. Der schulhausnahe Garten erhielt in der Tradition der Ideen von Repton oder des Fürsten Pückler eine geometrisch
strenge Gestalt, ordnet sich zum Haus. Der Park schließt sich im ›Tal‹ an.
Nahtstellen von ›Tal‹ und umgebender Landschaft sind als Plätze gestaltet,
zwischen dem Innen und dem Außen vermittelnd – so z. B. der
Platz von Wolfgang Luy. Das Gesamtbild der Anlage wurde durch das
Zusammenlegungsverfahren nur wenig beeinträchtigt, da der landschaftliche
Umraum durch Pfl anzungen, vor allem entlang der Höhenzüge,
strukturiert wurde.
Repton fordert das "ganze" Land für seine Gestaltung. Die Landschaftsarchitekten
von heute haben sich aus dieser Tradition in die sogenannten
"Freiräume" und die "Nische" der Ökologie abdrängen lassen. In
vielem haben sie die Verantwortung für die Ästhetik der Landschaft
widerstandslos aufgegeben.
Zahlreiche bildende Künstler unserer Zeit – und maßgebliche fi nden wir
im ›Tal‹ – reklamieren durch ihre Arbeit unser Engagement in der Landschaft.
War der Landschaftsgarten früherer Zeit Auseinandersetzung mit
der ungezähmten Natur, so ist die Parklandschaft heute Zeichen einer
Sehnsucht nach Heimat und dem Einklang des nutzenden Menschen mit
seinen natürlichen Lebensgrundlagen in einer vermeintlich gezähmten
Natur. Die Bewältigung dieser Aufgaben fordert die gemeinsame
Anstrengung der Berufe, die sich mit Gestaltung auseinandersetzen –
jenseits des reinen Kosten-Nutzen-Denkens.
Carola Schnug-Börgerding
1. Clemens Alexander Winner: Geschichte der Gartentheorie. Darmstadt 1989; Staatliche Schlösser und
Gärten Wörlitz: Der englische Garten zu Wörlitz. Berlin 1987; Friedrich Ludwig von Sckell: Andeutungen
über Landschaftsgärtnerei. München 1825. |