Jo Schöpfer | ohne Titel | 1994
Bank | 20–50 / 100 / 400 cm
Käfige | 30 / 30 / 30 cm | 25 / 20 / 60 cm | 26 / 20 / 38 cm | 26 / 23 / 23 cm | 26 / 20 / 29 cm
Beton, Aluminiumguß
Nach den raumgreifenden Arbeiten von Ludger Gerdes
und Michael Deiml stößt der Spaziergänger, wenn er ausgehend
von der Installation "Sonne-Licht-Mensch" dem
leichten Gefälle des Geländes in Richtung Bachlauf folgt,
auf eine vergleichsweise kleine Welt. Ein "Minimalist" hat
hier im Wasser seine Käfige ausgelegt, fünf Aluminiumquader,
die aus einem offenen Strebengerüst gebaut
sind, nicht um kleine Fische zu fangen, sondern um das
Augenmerk des Vorbeikommenden auf ein Stück Landschaft
zu lenken, das er ansonsten übersehen würde. Groß
genug, einem ausgewachsenen Fuß eine sichere Trittfläche
zu bieten, können sie tatkräftige Menschen auch
direkt zum Überqueren des Baches verleiten, noch ehe
sie sich Gedanken gemacht haben, was hier eigentlich
gespielt wird. Auf der gegenüberliegenden Uferseite
stellt sich den Eiligen ein schlichter Betonblock in den
Weg, der durch seine Position und Höhe in einfachster
Form zum Sitzen einlädt, um das Ensemble im Bach von
hier aus zu betrachten. Kinder lassen in solchen Gewässern
gern Schiffchen schwimmen, werfen Gegenstände
hinein und beobachten das Wasser, das an ihnen vorbeiströmt.
Die von Jo Schöpfer installierten Quader funktionieren wie der Focus
eines Objektivs. In dem Moment, in dem sie zum Blickfang werden, legen
sie den Maßstab für ihre Umgebung fest. Sie verschaffen einen Überblick
über den Wasserlauf und zwingen den am Ufer Stehenden zur Nahsicht,
da er zwangsläufig dem Anreiz unterliegt, ihrem offenliegenden
Inneren auf den Grund zu gehen. Der Raum, den jeder einzelne umgrenzt,
erscheint als einschätzbare Größe. Gradlinig verlaufende Streben legen
die unterschiedlichen Proportionen fest und unterteilen die Außenseiten
auf verschiedene Art in kleine rechtwinklige Segmente. Das individuelle
Erscheinungsbild, das hierbei entsteht, basiert ganz offenkundig auf
demselben Konstruktionsprinzip, auf einer nachvollziehbaren Gestaltung
mit Konstanten und Varianten. Als gemeinsame Konstante erkennt
der Betrachtende bald das Quadrat, das als Modulform in allen Flächengliederungen
auftaucht. Die vorgenommene Variation, die Art und Anzahl
der Unterteilungen, macht es dem vergleichenden Auge jedoch
nicht leicht, zu entscheiden, ob die kleine gliedernde Quadrateinheit
des abseits stehenden Kubus als kleinste Teilfläche oder das große Quadrat
des langgestreckten fl achen Körpers als größte unterteilte Einheit
die alles bestimmende Größe ist.
Auf der Suche nach dieser Einheit entfaltet sich auch die übrige Erscheinungswelt
der Uferzone. Die kleine Serie rational durchschaubarer Ordnungssysteme
wirkt wie ein Katalysator für die Wahrnehmung der sie
umgebenden Natur. Sich immer wieder verändernde Übergänge zwischen
Wasser und Erde haben an dem gewählten Ort eine
auffallend unregelmäßige Uferlinie geschaffen. Der Bach
schlängelt sich durch viele Kurven und fl ießt streckenweise
je nach Wasserstand durch mehrere Arme. Die Ufer
sind zerfurcht, voller Absätze und Sprünge, die angrenzende
Böschung und Weidefl äche buckelig und uneben.
Die Vegetation entpuppt sich als abwechslungsreich.
Verschiedene Grassorten, einzeln stehende Getreidehalme
und Schilf wachsen in der Nähe des Wassers. In
seiner hervorstechenden Eigenart gewinnt der betrachtende
Landschaftsausschnitt etwas von der Dimension
einer zerklüfteten Gebirgslandschaft, in der verstreute
"Skelettbauten" ein Zeichen ihrer Zivilisation setzen. Der
Kontrast könnte nicht deutlicher ins Auge fallen. Die Uferlandschaft
zeigt das Formlose, Unregelmäßige und Weiche,
das, was im Fluß ist und daher zeitlichen Veränderungen
unterliegt, die Quader verkörpern das Gegenteil,
sie besitzen eine feste regelmäßige Form, weisen scharfe
Konturen auf und demonstrieren Stabilität im Sinne dauerhafter
Beständigkeit. Während in der Natur das vielfältige
Erscheinungsbild die gemeinsamen Gesetze verhüllt,
treten diese in dem nachvollziehbaren Gestaltungsvorgang
der Metallkonstruktionen offen zutage. In ihrer offenen Struktur
setzen sie sogar die Trennung zwischen einer äußeren Erscheinungsform
und einer dahinter verborgenen inneren Gesetzmäßigkeit außer Kraft.
Mit dem Betonstück, das auf der anderen Uferseite eine Sitzfl äche
schafft, verhält es sich ähnlich. Der als offener Winkel konstruierte Körper
paßt sich insofern den natürlichen Gegebenheiten an, als er sich
über einen vorhandenen Absatz innerhalb der Uferböschung stülpt.
Genaugenommen wird dieser von ihm begradigt, auch sonst zeigt seine
exakte Form eine bestechende Regelmäßigkeit, die alles, was sich im
Vergleich mit dieser Erscheinungsqualität mißt, auf eine gegenteilige
Position verdrängt. Über den Bach hinweg betrachtet, läßt der Betonkörper
in seiner horizontalen Erstreckung alle horizontal verlaufenden
Grenzlinien in der Landschaft als gekrümmt und unregelmäßig erscheinen.
Lediglich als Annäherungswerte an eine denkbare und dank der sich
klar aus ihrer Umgebung heraushebenden Form auch anschaubare Ideallinie
könnte man die Grenzen zwischen den Weidefl ächen und von diesen
wiederum zum nahegelegenen Tannenwäldchen, in dem der "Dreibeiner"
von Karl Bobek steht, bezeichnen, wobei im Vergleich der Verlauf
des Bachs zum Inbegriff des "Natürlichen", "Zufälligen", "Organischen"
erwächst. Obwohl die Landschaft als Nutzfl äche durch Weidefl ächeneinteilung,
Weg- und Straßenführungen vergleichbare vom, Menschen
verursachte Ordnungsstrukturen zeigt, separiert sich im Gegensatz zu
den geometrischen Gebilden, die mit der modernen Baustoffen eigenen
Präzision gefertigt sind, ein Stück in dieser "zivilisierten Landschaft" als
Raum für eine ursprüngliche Naturerfahrung.
Die Faszination, die von der Installation ausgeht, entsteht jedoch durch
Zusammenhänge, die sich als komplexer erweisen, als es die augenfällige
Gegenüberstellung kontrastierender Prinzipien ausdrücken könnte.
Jo Schöpfer erzeugt ein Wechselspiel zwischen Integration und Gegensatz,
in welchem abhängig von Standort und bevorzugter Denkrichtung
mal die eine und mal die andere Seite überwiegt. Die installierten Objekte
erscheinen zwar als Vertreter einer gegensätzlichen Welt, andererseits
sind sie derart in die Natur eingebunden, daß sie den dort stattfi ndenden
Formveränderungen unterworfen sind und sowohl ihre klaren
Grenzen verlieren, als auch ihre Gestalt an Vollkommenheit einbüßen.
Das emporwachsende Gras verdeckt die unteren Kanten des Winkels,
während die im Bach plazierten Quader immer nur teilweise aus dem
Wasser auftauchen. Die umspülten Streben werden durch optische Verzerrungen
ihrer klaren Kontur beraubt. Obwohl ihre ideale Gesamtform
folgerichtig aus den gegebenen Sichtbarkeitsdaten ergänzt wird, bleibt
ihre tatsächliche Ausdehnung, die Tiefe des Wassers, in dem sie stehen,
nicht jederzeit überprüfbar.
Nimmt man auf dem Betonstück Platz, verliert es die Neutralität eines
abstrakten Anschauungsmodells und übernimmt selbst eine integrative
Funktion. Es versetzt den Betrachtenden an einen Ort, an dem sich eine
idyllische Situation offenbart, eine Perspektive, aus der sich die Polarisierung
von Gegensätzen ebenso wieder aufl ösen läßt, wie man sie vergleichend
aufbauen konnte. Rechts, ein Stück von den Quadern entfernt
wachsen am Bach ein paar Bäume, unter denen ein kleiner Wasserfall
ein ständiges Plätschern und Rauschen verursacht und den Betrachter
in eine kontemplative Stimmung versetzt. Die emotional erlebbare Beschaulichkeit
des Ortes verbindet sich mit einem Schönheitsempfi nden,
das durch Symmetrie und Gleichmaß, durch die erkennbare formale Ordnung
der Körper, ausgelöst wird. Durch die Transparenz der Quader und
das stumpfe Glänzen des Aluminiums ensteht ein harmonischer Zusammenklang
mit der durchsichtigen Klarheit des Wassers, besonders wenn
auf der Oberfl äche Sonnenlicht refl ektiert wird. Aus dieser poetischen
Verbundenheit heraus verlieren die Metallkonstruktionen ihre rational
technische Ausstrahlung. Der umgrenzte Raum erscheint nicht mehr nur
als Summe der sichtbaren Koordinaten, sein Inneres gewinnt metaphysische
Qualität. Andererseits betrachtet man die umgebende Natur
durch die Einbettung der regelmäßig gegliederten Körper mit einem
wissenschaftlichen Blick, der in ihren Objekten weit mehr Gesetzmäßigkeiten
annimmt als sie zunächst sichtbar werden läßt. Durch die starke
Präsenz des fl ießenden Wassers, das in der antiken Naturphilosophie als
ein möglicher, allen Naturprozessen zugrundeliegender Urstoff angesehen
wurde, wird der Betrachter angeregt, die Aufhebung der Gegensätze
durch die Vorstellung einer Natur zu denken, die ebenfalls als ein
in sich geschlossenes Ordnungsgefüge funktioniert.
In dem Panorama, das sich vom Sitzplatz aus darbietet, wenn man vom
Wasser aufblickt und in die Ferne schaut, scheint eine Aufl ösung der
Gegensätze anschaulich gegeben. Die sanft geschwungene Horizontlinie
vermittelt zwischen den extremen Polen des Kurvigen und der Geraden,
zwischen Bach und Betonwinkel. Das Bild der gleichmäßig aufgereihten
Säuleneichen an der Arbeit von Erwin Wortelkamp kann in
diesem Zusammenhang an Landschaftsgemälde erinnern, wie z. B. an
Monets "Pappeln" oder Mondrians "Bäume am Gein", die im Rückblick die
Entwicklung von reinen Formgesetzen und auch das Prinzip der seriellen
Reihung aus der Landschaft heraus begonnen haben.
Dagmar Schmidt |