Fritz Schwegler | Einige späte Bilderblieben in der Luft hängen und wurden nachgebaut (EN 6114) | 1990
220 / 104 / 30 cm
210 / 140 / 103 cm
Beton, Farbe
Oben im Wald löst sich der schmale Pfad ins Ungewisse
auf. Das ist keine Stelle, zu der man sich hinbegibt, sondern
eine, an der man sich plötzlich befindet. So zufällig,
so unerwartet wie der fröhliche Posten, der dort zwischen
den Bäumen Wache hält. Leichtfüßig steht er auf einem
Bein, über dem sich – hutartig, pilzähnlich – eine Glockenform
schließt. Gelbe und schwarze Streifen leuchten wie
ein Signal, das sieht nach Baustelle oder Schilderhaus
aus. Es zeigt an, daß hier mitten in der Wildnis ein Ort zu
finden ist. Der Glockenfuß macht selbst den ersten Schritt
hinein, und etwas weiter trifft man auf sein Gegenbild.
Da, wo das Dickicht undurchdringlich wird, öffnet sich ein
rötliches, bauchiges Gefäß. Ein helles Gesicht mit langer
Nase lugt keck daraus hervor, oder ist es ein riesiger Entenkopf
mit Schnabel? Dann hört der Weg auf; es bleibt nur
Umkehr, vom Vasenkopf zurück zum Glockenhut. Dazwischen:
Raum für leises Lachen.
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Auf den Kopf gestellt, wird eine Vase zum Hut. Ein Hut
verbirgt, hält Zugluft ab, aber läßt sich auch lüften. Und
nur wo sich etwas versteckt, ist etwas zu entdecken. Umgekehrt
kann, was auftaucht, auch wieder verschwinden:
der Kopf, der so vorwitzig seine Nase in den Wind hält, sucht vielleicht
im nächsten Moment schon Zuflucht im Inneren der Vase. Erscheinen
und Verbergen gehen Hand in Hand. Aber sind Aufbruch und Rückzug
nicht zwei grundsätzliche Weisen, sich in der Welt zu bewegen? Dann
manifestieren Glockenfuß und Vasenkopf – zwei leibhafte Metaphern
dieser Befi ndlichkeiten – etwas sehr Menschliches. Nicht von ungefähr
wirken die beiden Gestalten, die da so still und stumm im Wald stehen,
merkwürdig lebendig. Und sind doch zugleich ganz dinghaft und solide
aus Beton gegossen.
Da stehen sie: einfache, lebensgroße und handfeste Gegenstände, zum
Greifen nah. Sie können nur nah sein, denn der Wald verstellt jede Sicht
aus Entfernung. Die intime Örtlichkeit, die als Ort defi niert wird durch
Hut und Vase, ähnelt selbst einem Gefäß. Ein Weg führt hinein, aber
nicht hindurch. Und erst wenn man eintritt, erschließt sich die Situation
– als Versteck. Das System der Öffnungen und Schließungen greift
schließlich auf den Wald über; nur weil er verbirgt, kann er sich öffnen.
Aber was er zeigt, sind Gefäße, die selbst etwas verbergen. So vervielfachen
sich die Beziehungen zwischen den Arbeiten und dem Wald, die
Nähe zu den Dingen enthält auch eine ihr eigene Ferne. Immer bleibt
etwas unsichtbar, und auch wenn der Hut sich lüften könnte, so bleibt
er doch geschlossen.
"Sachen, wo man ein biszchen lüften kann" ist ein Buch
von Fritz Schwegler betitelt. Zwei seiner Zeichnungen aus
dieser Sammlung – EN 7016 und EN 7211 – zeigen einen
Vasenkopf und einen Glockenfuß. "Einige späte Bilder
blieben in der Luft hängen und wurden nachgebaut" (EN
6114), heißt es im selben Band. Und eben das passierte,
denn Erwin und Kim Wortelkamp wurden tätig und realisierten
die beiden Zeichnungen. als plastische, lebensgroße
Objekte im ›Tal‹. Sie waren es auch, die den Ort im
Wald fanden, die mit Fritz Schwegler das Material wählten.
Aus den Buch-Bildern wurden so Wald-Arbeiten und
zugleich Unikate in Schweglers Gesamtwerk, einmalig in
ihrer Größe.
Wie man eine Seite umblättert, kann man nun durch den
Wald gehen und Zeichen finden: Sinngebilde, die ohne
Text auskommen, aber eine heitere Überraschung für den
Blick bereithalten. Das Sehen, das sich abschleift an nützlichen
Alltagsdingen und festgeschriebenen Bedeutungen,
stolpert förmlich über die beiden paradoxen Gebilde.
Man kennt Hüte und Vasen, Köpfe und Füße, aber selten
sieht man den Gegenstand, ohne sofort zu seiner Bedeutung
überzugehen. Glockenfüße, Vasenköpfe dagegen
entziehen sich der eindeutigen Benennung. Sie sind vielleicht nicht
fremder als Alltagsdinge, aber in dieser Fremdheit offenkundiger. Indem
sie sich verschließen, zeigen sie, daß das Verborgene zur Welt der Dinge,
und das heißt schließlich: zur Welt des Menschen, gehört.
Huberta de la Chevallerie
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