Oliver Siebeck | Fiktionen 3 – Orte | 2003
Verbundglas, Folie
200 / 90 / 1,3 cm
Schallwandler, Soundanlage
Die Wunde
Eine Reflexion nach Fiktionen 3 – Orte von Oliver Siebeck
Arkadien und der Blitz – Das Glas leuchtet rot und vertikal
zwischen den Bäumen (es ist Sommer im Tal und das
Grün strahlt überall aus) Auf der Oberfläche der Scheibe
bilden sich Wald, Himmel, Wolken und dein Gesicht ab.
Du hast dich genähert und plötzlich hörst du etwas – wie
von diesem roten Blitz getroffen – als ob ein Bach oder
der Wind aus der Scheibe zu dir käme. Du lauschst und
nimmst wahr, daß Stimmen mitten im Wald sprechen,
aber woher kommen sie, worüber reden sie, für wen und
deshalb?
Eine leichte Brise weht und die Blätter rauschen, so wie die
Stimmen aus der gläsernen Oberfläche des Blitzes rauschen,
während Du sitzt: deinem eigenen Abbild gegenüber,
dem Himmel und dem Grün inmitten des Roten.
Eine Stimme (sie ist weiblich) sagt "ich komme aus Argentinien,
aus dem kalten Süden" eine andere (jetzt ist sie
männlich) "ich bin in London geboren und habe einen
britischen Paß", und noch eine andere weibliche und eine
andere männliche "über das Sein" ? sie sprechen, kommen
aus dem Roten und verschwinden ins Grüne des Sommers,
hier im Tal.
Die Stimmen sprechen Deutsch mit Akzent; wenn man
sich die Zeit nimmt ihnen zuzuhören, merkt man allmählich, daß sie
über Heimat und Identität reden und über den Weg "der jeden von ihnen
nach Berlin führte". Die Stimmen sprechen aus dem Nichts, man kann
einige Sätze verstehen, aber dann werden sie Rauschen, Blätter, Wasser,
Nichts. Warum sprechen sie hier? Sie verwirren dich und erwecken in dir
Bilder vom Fremd-Sein, von den Jahren des Herumirrens, vom Reisen,
von den Welten, die draußen existieren, von allen diesen Welten, die
hier im Tal keinen Platz fi nden, weil du – hier – mitten in Arkadien bist.
Arkadien oder die verschlossene Welt – Arkadien war im Altertum ein
Hinterland; Heimat von Pan, Sohn des Hermes und der Kallisto. Es stellt
das Bild idyllischen Lebens dar, voller Harmonie und Ruhe. In der europäischen
Tradition wurde dieses Bild der Inbegriff einer in die Ferne
gerückten, utopischen (und glücklichen) Weltordnung.
Der Atem Vergils und Titus Livius? wehte in allen Ausdrucksformen der
Garten- oder Landschaftsarchitektur der europäischen Tradition; von
Heron aus Alexandria, um 100 v. Chr. über die barocke Parkanlage von
Versaille bis zu Herrenhausen bei Hannover und in der Gegenbewegung,
dem Englischen Garten.
Das Ideal, ein geordnetes und friedliches System zu schaffen, einen "Ort
(Garten) ungetrübten Glücks", was das griechische Wort iranischen Ursprungs
Paradeisos ausdrückt, erklärt jeden Versuch einen Ort zu gestalten,
daß er Sinnbild dieser Harmonie wird.
Benennt dieses bukolische Bild Arkadiens – eines irdischen
Paradieses, nicht gleichzeitig den Ort, wo wir vergessen
können, daß ein, das Draußen existiert? Wuchs
nicht der Mythos Arkadiens im Geist der alten Griechen
aus Angst vor dem leerem Raum, dem Chaos, der ungeordneten
Masse? Ist dieses Arkadien nicht ein Fortdenken
des Kosmos, der Ordnung. Nur welche Ordnung heute? Mit
den Wörtern von Michel Serres, ist nicht ein Ort "der nur
den Raum kennt, eine tote Welt"? Eine Welt, wo das Fließende,
das Gewebe, das Flüchtige keinen Platz fi ndet.
Und so bist du hier im Tal, in einer Landschaft von arkadischer
Schönheit, die aus der Genauigkeit der Geometrie
rührt, du lauschst , wie vom Blitz getroffen, diesen
Stimmen, die kommen und gehen, die dich fl üchtig widerspiegeln,
da du von da draußen kommst, aus dem
freien Himmel, de la intemperie.
Arkadien und die Welt da Draußen – In der Arbeit Fiktionen
3 – Orte, benutzt Oliver Siebeck als Resonanzkörper
eine 2 Meter hohe rote Glasscheibe, die aus der Erde
ragt. Oliver Siebeck hat Gespräche mit Cuini Amelio Ortiz
(geboren und aufgewachsen in Argentinien), Yingli Ma
(geboren und aufgewachsen in China), Akinbode Akinbiyi (geboren in
England und aufgewachsen in Nigeria) und Michael Lüthy (geboren und
aufgewachsen in der Schweiz) geführt und aufgezeichnet. Sie alle leben
in Berlin und mit Oliver Siebeck sprachen sie über Identität, Heimat,
Fremd-Sein und über die Sprache als Ort und Spiegel.
Mit diesem Material hat Oliver Siebeck eine Komposition geschaffen,
die die rote Glasscheibe überträgt und die ein Bewegungsmelder startet.
Oliver Siebeck benutzt Glas, ein hartes und zugleich zerbrechliches Material.
Glas verbindet Außen und Innen und spiegelt gleichzeitig wider,
ohne jedoch Spiegel zu sein.
Aber hier, im Wald, wo ist das Außen und wo das Innen? Diese Scheibe
besteht aus zwei dünnen Gläsern; zwischen beide wurden zwei rote und
eine weiße Folie geklebt, so daß das Glas rot und opak wirkt. Das Glas
ist nicht mehr durchsichtig, es bekommt ein Inneres, die Scheibe – trotz
ihrer nur 1,2 cm Tiefe – wird Körper, ein roter, gläserner Körper.
Aber ein Körper hier im Wald? Ein Körper, der keine Skulptur ist, der kein
Objekt im herkömmlichen Sinne ist und sich – deswegen – von vielen Arbeiten
im Tal unterscheidet. Die Maße dieses Körpers sind nicht überwältigend
(knapp 2 Meter hoch) und die Glasscheibe wirkt anmutig
leicht und trotz ihres Rots, fast schutzlos.
An beide Seiten dieses Körpers, vorne und hinten, sind auf 90 cm Höhe
zwei Schallwandler symmetrisch angebaut. Sie wirken wie ein Organ, ein
Auge, ein Ohr oder ist es das Innere?, ein geöffneter Mund?
Glas ist hart, zerbrechlich, Glas kann farbig wirken und Stimmen übertragen,
Glas kann wie der Spiegel, für einen kurzen Augenblick die Welt
in sich einfangen; Glas kann aber auch verletzen, Glas ist dann Kante und
Messer, Schärfe und Lanze, Grenze und Wunde.
Und plötzlich – wieder der Blitz – Du weißt es, durch diese rote Scheibe
kommt die Welt da draußen hierher, die Welt der nicht Deutschsprechenden
(der barbaroi), die Welten, die da draußen wie ein Ozean
sich ausdehnen, fl ießen und fl uten und strömen in die geschlossene Welt
dieses Arkadien.
Sie öffnen sie, sie bringen das Flüchtige, das Unerhörte mit hinein, sie
fl ießen und öffnen eine Wunde. Mitten im Wald auf dieser gläsernen
roten Scheibe treffen sie sich, Orte und Zeiten, für einen Augenblick, für
den Augenblick, an dem du dich angenähert hast.
Du lauschst und die Welt da draußen fl ießt und da diese Flut eine wasserlose
ist, dieser Strom nur für das Ohr gedacht ist, mußt du die Augen
schließen, um dich vor all diesem Rot zu retten, einem Rot, das du eigentlich
selbst bist, Körper und Blut, Strom aus Welten und Ländern und
Sprachen ?
Im November 2005 wurde die Arbeit Fiktionen 3 – Orte zerstört. Die Öffnung
in Arkadien bleibt wie ein mitten im Gespräch unterbrochener Satz.
Im Text gibt es kein Du mehr.
Celia Caturelli |