Claudia Terstappen | Lehrpfad | 1997
Schrifttafel | 30 / 40 cm
Ständer | 97–108 / 30 / 40 cm
Eisen verzinkt, schwarz lackiert, Folie, Glas
Aberglaube ist in unseren Breitengraden ein Phänomen
besonders der ländlichen Regionen. So scheint der Glaube
an Götter und Dämonen, an freundliche Geister und unheilvolle
Zeichen hier mehr zu Hause zu sein als anderswo
in unserer auf- und abgeklärten Zivilisation. Auf dem
Land trifft man mitunter immer noch die hartnäckig überlebenden
Geschichten und Verhaltensregeln, deren Ursprünge
häufi g kaum mehr nachvollziehbar sind, deren
Konsequenzen aber durchaus eine Rolle im täglichen
Leben spielen können. In einer wissenschaftsgläubigen
Zeit wie der unsrigen, einer Epoche, in der die Menschen
sich in ihrem Denken und Tun der Technik und den Naturwissenschaften
verschrieben haben, faszinieren archaische
Glaubensbekenntnisse, Mythen und uralte Geschichten
umso mehr – halbwahr vielleicht, aber immer
mit einem Hintergrund.
Dem Prozeß der Säkularisierung, den Max Weber als "Entzauberung
der Welt" so treffend beschrieben hat, entspricht
das Verschwinden magischer und mythologischer
Welterklärung. Und je mehr die Entwicklung des modernen
Rationalismus voranschreitet, so seine Diagnose,
desto stärker schreitet auch die Entmystifizierung der
Welt voran. Glaube und Aberglaube, immer schon eng verwandt, bleiben
dabei auf der Strecke. Unsere verstädterte, technologische Welt hat die
Wissenschaft zu ihrer geistigen Autorität erklärt. Um so mehr gilt es, und
dafür auch streitet die Kunst, diese Abhängigkeit bewußt zu machen. So
ist vielleicht auch zu bedenken, daß das, was einst als fundierte Erkenntnis
galt, heute widerlegt und der Lächerlichkeit preisgegeben ist – und
dies könnte womöglich auch einmal für manchen heutigen Forschungsgegenstand
gelten.
Charakteristisch für den Landschaftsgarten ›im Tal‹ ist das selbstverständliche
und doch spannungsvolle Nebeneinander von Kulturlandschaft
und landwirtschaftlicher Nutzfl äche. Und so fl aniert man nicht an
den Objekten entlang, sondern erwandert sie am besten in festem Schuhwerk.
Vielleicht wird man Befremden verspüren, daß Kühe und Pferde
zwischen den Kunstwerken weiden, daß überhaupt hier keine scharfe
Trennung zwischen Nutz- und Kunstlandschaft erkennbar ist. Doch das
ist Programm. Zu denjenigen KünstlerInnen, die sich nicht nur mit der
Natur-Landschaft, sondern auch mit dem – in weitestem Sinne – sozialen
und historischen Ort befassen, gehört Claudia Terstappen. Zäune und
Trampelpfade weisen den Weg, und ganz am Ende des Landschaftsgartens,
wo die Höfe der Bauern, die Straße, das nächste Dorf beginnen,
dort trifft man auf ihre Arbeit: dreizehn am Wegrand aufgestellte
Schrifttafeln.
Dort nämlich, wo die Landschaft des ›Tal?s‹ sich öffnet,
wo es nach oben auf die Wiesen geht, wo die Verschmelzung
mit der landwirtschaftlich geprägten Umgebung
am offensichtlichsten ist, der Alltag präsent bleibt, dort
befi ndet sich der "Lehrpfad". Ein Werk, das sich, gerade
im Vergleich mit den anderen Kunstwerken im Tal, den
meist ernsten Arbeiten, als offen und leichtfüßig vorstellt.
Die landschaftliche Öffnung und die strukturelle
Offenheit des Konzepts entsprechen und ergänzen einander
wie selbstverständlich. Seine Mehrdeutigkeit und
sein Humor aber erschließen sich erst allmählich; und die
Nähe zur bäuerlichen Umgebung bleibt ein wichtiger
Aspekt für das Verständnis des Werkes.
Fast unscheinbar stehen die kleinen, scheinbar wahllos
verstreuten Tafeln am Wegesrand: der "Lehrpfad" ist kein
didaktischer Hammerschlag, auch wenn die Erinnerung
an zoologische Gärten, an naturkundliche Wanderwege
mit ihrer manchmal allzu penetranten Erklärungswut
intendiert ist.
Von weitem betrachtet, mag man die Assoziation banal
fi nden, doch gerade der naturkundliche Charakter und
der quasi-wissenschaftliche Anspruch der Tierbeschreibungen ist es,
der diese Arbeit auch subversiv wirksam macht. Ist wirklich alles an den
Beschreibungen Terstappens barer Unsinn und bloß ausgedacht? Oder
gibt es vielleicht doch gute Gründe, nicht alles gleich abzuqualifi zieren?
Warum legt meine Mutter bei jedem Waldspaziergang ihr Taschentuch
auf den Ameisenhaufen, um es auf dem Rückweg wieder einzusammeln?
Weil es gut riecht? Weil die Ameisendüfte gut gegen Rheuma sein sollen?
Es gäbe wohl eine ganze Reihe solcher Fragen? Und irgendwann vielleicht
beginnt man selbst, sich verstohlen umzusehen und diese Tiere
mit den seltsamen Eigenschaften zu suchen ?
Es kann dem lesenden Wanderer tatsächlich klar werden, daß die Naivität,
daß Aberglaube und Magie nicht nur aus historischer Distanz zu
betrachtende Bestandteile unserer Kultur sind, sondern daß jeder selbst
einen – wie sehr auch verschütteten – Rest dieser magischen Welt in sich
trägt. Es gab eine Zeit in der jeder Dinge wie diese geglaubt hat.
Listig führt Claudia Terstappen mit ihren pseudowissenschaftlichen Beschreibungen
den Betrachter an die Grenze des Glaubwürdigen, meist
sogar schießt sie spielerisch und humorvoll darüber hinaus. Zweifel sollte
man haben. Nicht so sehr an den beschriebenen, oftmals absurden,
manchmal beängstigenden Wesenseigenschaften der Tiere, als vielmehr
an der eigenen Wissenschaftsgläubigkeit. Für viele Menschen stellt die
Schrift immer noch eine Autorität dar, und erst recht in Form einer naturwissenschaftlich
fundiert daherkommenden Aussage. Auch die Sicherheit
des Glaubens und die Hoffnungen und Ängste des Aberglaubens
sind unverzichtbare Bestandteile eines lebendigen Lebens. Das Leben
nämlich, und das ist eine der wunderbaren Botschaften von Kunst, ist
durchaus nicht immer erklärbar.
Katja Brandt
Ameise (formica)
Familie: Formicideae;
Ordnung: Stechimmen, ca. 60000 Arten, bis 6 cm
Art und Wesen: Ameisen entstehen aus Feuchtigkeit, welche die Gewürze
hervorbringen. Man unterscheidet zwischen drei Arten: 1. Einsame
Ameisen; 2. Mehrere Ameisen; 3. Ameisenhaufen. Es gibt sie überall und sie
sind mitunter sehr lästig. Ihre Intelligenz ist ebenso bemerkenswert, wie
ihr Geruchs- und Tastsinn, jedoch hören sie sehr schlecht. Deswegen vertreibt
man sie am besten durch den Klang von lauten Glocken. Ihr Geruch stärkt
aber das Gedächtnis. |