Erwin Wortelkamp | Teil aus einem Ganzen – zu einem Ganzen | 1994/99
97 / 72 / 67 cm
Bronze
Platz, Kreissegment 60 qm
Beton, Pyramideneichen
Platz geben
Auf halber Strecke zwischen Hasselbach und Werkhausen,
sieht man nahe der Straße in den zum Bach hin abfallenden
Wiesen sieben Säuleneichen. Sie markieren von
weitem schon einen ausgezeichneten Ort. Kommt man
über die Mähwege von unten, vom Bach her, so steigt man
ihnen entgegen. In Kopfhöhe zeigt sich eine dunkle Bronze,
die in den Wiesen unweit der Eichen liegt. Je näher
man kommt, desto mehr schaut man auf die Bronze herab.
Die Proportionen können einen monumentalen Kopf
erinnern. Dieser ist auf einer Betonfl äche positioniert, die
in der Form eines Kreissegments zugeschnitten ist. Man
betritt dieses Segment an seiner abgestumpften Spitze.
Obwohl die betonierte Fläche beinahe 60 qm groß ist,
steht einem der Bronzeklotz jetzt unmittelbar entgegen,
verengt den Zugang. Man muß vorbei oder bleibt davor.
Der Platz verkürzt sich und man hat das Gefühl, als wäre
hier kein Raum mehr.
An Maserung und Struktur erkennt man die Bronze sofort
als einen Guß nach einer Holzarbeit.¹ Die Bronze schreibt
dabei dem plastischen Gebilde eine Dauer ein wie sie das
Holz als Material so nicht besitzt. Holz trägt das Lebensprinzip
von Werden und Vergehen immer in sich, während
dieses Prozessuale in den Bronzen zugunsten einer nachhaltigen
Konzentration aufgehoben scheint. Einerseits zeitlich gesehen, insoweit
die Bronze – abgenommen von einer Holzskulptur – einen Augenblick
fixiert; andererseits aber auch räumlich, insofern sich ihre Oberfl äche in
aller Härte gegen das Außen verschließt. Das, verbunden mit der kompakten
Geschlossenheit der Form, konfrontiert den Ankommenden mit
einem Höchstmaß an plastischer Konzentration. Das Bronzestück zieht
sich ganz in sich zurück und macht es schwer, sich ihm gegenüber zu
positionieren.
Die sieben Säuleneichen und die Betonfl äche schneiden aus dem unbestimmten
Kontinuum der Wiesen einen Platz aus, der nicht nur ein Platz
für eine Plastik ist, sondern zugleich Plattform für einen Blick zurück. Die
Rundung der Betonfläche bestimmt die Pfl anzanordnung der Eichen, die
den Platz Richtung Norden abschliessen und wie eine Wand zusammenwachsen
werden, während die abgestumpfte Spitze in die Richtung zurückweist, aus der man kam: zurück zum Schulhaus, zum Arbeitsplatz
mit seinen Säulenbuchen und zurück auch auf die Höhe mit Wortelkamps
von hier aus ebenfalls sichtbarer Arbeit "Vielleicht ein Baum". Der
Blick geht zurück auf Ludger Gerdes? "Stück im Tal", Kazuo Katases "Bildstock
(dem namenlosen Gott)" oder Ansgar Nierhoffs "Durchkreuzung"
– letztlich zu all den Arbeiten, die sich frei einem Fernblick präsentieren
und Ferne in unterschiedlicher Form zum Thema haben.
Der Platz kann von weitem Zypressen umstandene Gehöfte
im Süden Europas, z. B. in Italien erinnern.² Hier im
›Tal‹ aber umstehen die Bäume kein Haus, evozieren
keine Geborgenheit, vielmehr eröffnen sie einen symbolischen
Ort: Während die Eiche als Sinnbild der Kraft und
der Unsterblichkeit in früheren Zeiten Kultstätten und
Grabanlagen bezeichnete, verweist die Sieben als kosmisch,
astronomische Ordnungszahl auf die Genesis wie
auf ein vollkommenes Ganzes. Für ein Ganzes stünde
auch der Kreis. Die Betonfl äche als Kreissegment aber ist
nur noch Teil aus diesem Ganzen. Den in die Ferne schweifenden
Assoziationen antwortet immer wieder die raue
Unmittelbarkeit dieser nackten Betonfl äche. Sie entfremdet
in ihrer Leblosigkeit den Platz von der umgebenden
Natur, grenzt aus und versiegelt. Es bleibt ein Riß, etwas
Fremdes, das sich zwischen das Hier und das Dort schiebt,
so wie die Betonfl äche zwischen Füße und Erdreich gelegt
wurde. Derjenige, der auf der Betonscheibe steht, fühlt
sich gleichermaßen herausgehoben wie ausgesetzt.
Der fast ein Meter hohe Bronze-Rundling füllt den gegebenen
Raum nicht aus. Zur Fremdheit und Ungeschütztheit
tritt ein Empfi nden von Leere. Immerhin ist es eine 60 qm große
Betonfl äche, auf der man steht. Bei einem Durchmesser der Plastik von
ca. 75 cm ist klar, daß sich die Fläche dazu nicht wie ein gewöhnlicher
Sockel verhält. Die Bronze liegt da wie ein vereinzelter Findling auf der
ansonsten leeren Fläche. Wobei die Fläche ein Hier defi niert, das sich
Betrachter und Bronze teilen. Wortelkamp hat diese Situation als einen
offenen Platz gestaltet, der durch die weithin sichtbaren Eichen seine
Fassung bekommt. Der Platz gewinnt gerade als leerer Raum in einer
ehemals entleerten Landschaft (der freie Blick über die Straße und ins
›Tal‹ hält diesbezüglich ein Vorher und Nachher präsent) seine besondere
Qualität. Dieser Platz legt nicht fest, nicht die Bronze und nicht
denjenigen, der zu ihr tritt. Er eröffnet Möglichkeiten unter Bedingungen:
Derjenige, der sich in dieser Situation bewegt, muß sich seiner
selbst und seines Verhältnisses zu dem bronzenen Teil neben sich bewußt
werden. Der erste Schritt einer solchen Selbstvergewisserung kann
ein bewußtes Stehen sein. Denn so mühsam – je nach Jahreszeit und
Feuchtigkeit – das Gehen durch die Wiesen war, so hart ist das Stehen
auf dem Beton. Steht man aber, so steht man in einem diesbezüglich
merkwürdigen Verhältnis zur Plastik. Die nämlich steht nicht und liegt
auch nicht – sie ist da. Und in ihrem So-Sein – vor allem auch durch ihr
Eben-da-Sein – eröffnet die Bronze die ganze Bandbreite unterschiedlicher
Modi von Begegnung. Unmittelbare Nähe, die einen bedrängte,
ebenso wie große Distanz, in der sich die Begegnung mit der Bronze in
der Weite der Landschaft zu verlieren droht.
Die symbolische Aufl adung des Ortes und die Klassizität der Bronze lassen
durchaus an Orte der Erinnerung, an Monumente denken. Doch wird
hier nicht einer Person oder eines Ereignisses gedacht; und auch steht
der Betrachter hier nicht davor. Er selbst wird Teil einer Situation, wird
Akteur. Er teilt mit der Bronze deren Isolation. Das Betonieren einer Wiese
wird als ein Akt gewaltsamer Entgrenzung erfahren und zugleich wird
die Entgrenzung zur ortsstiftenden Kraft. In dem Maße wie man sich der
Entfremdung aus der umliegenden Natur bewußt wird, in dem Maße
wird man sich auch der Unzugänglichkeit und Härte des bronzenen Gegenübers
bewußt. Gerade hierin erweist sich der Platz als ein Platz eingeforderter
Begegnung. Der Platz gibt aber auch Raum zum Innehalten,
zum Besinnen und Erinnern. Dies umso mehr als das Verhältnis zwischen
dem Körper der Bronze und dem Körper des Betrachters permanent fragwürdig
bleibt. Ihre Hermetik will dabei ebenso anerkannt wie überwunden
sein.
Darüber hinaus ermöglicht die offene Gestalt des Platzes einen Rundblick,
der zwar keinen Überblick bietet, der aber eine Vielzahl möglicher
Beziehungen stiftet. Sei es mit bereits gesehenen Skulpturen, sei es mit
Formen der Landschaft. Zugleich schützt mich dieser Platz nicht, denn
in dem Maße wie ich die Freiheit erhalte, zu sehen, stehe ich frei, um gesehen
zu werden. Als ein in dieser Hinsicht öffentlicher Raum konstituiert
dieser Platz eine der vielschichtigsten Situationen im ›Tal‹ und bringt
ein Grundprinzip der Anlage paradigmatisch zur Erfahrung: den offenen
Dialog. Er folgt darin dem Titel der Bronze, er wird "Teil aus einem Ganzen
– zu einem Ganzen". Bronze- und Platzgestalt lassen mich erfahren,
daß ich verbindlicher Teil dieses Ganzen bin.
Jörg van den Berg
1. Die Holzarbeit, die dem Guß zugrunde lag, stammt aus der zweiteiliegen Arbeit "Teil aus einem
Ganzen". Die Arbeit war u. a. ausgestellt in der Universität Witten/Herdecke. Vgl. dazu "querab", Ausst.
Kat. Universität Witten/Herdecke 1995. Bis ins Jahr 1998 lag auf dem Platz eine 4,5 m lange "Liegende".
Eine Skulptur aus Holz und Eisen aus dem Jahr 1981. Aufgrund von Verwitterung wurde diese Arbeit
entfernt und durch die jetzt zu sehende Bronze ersetzt. Vgl. zur ehemaligen Situation vom Verf. "nicht
bei den Lebenden, nicht bei Gestorbenen", in: Skulptur im Tal, a. a. O., S. 48f. 2. Vgl. hierzu den
Text von Erwin Wortelkamp "wie unterwegs – das Ganze zu schauen" – dabei zunächst kein Wort über
Schönheit, in: Skulptur im Tal, S. 9. Dort läßt Wortelkamp bei einem fiktiven Spaziergang mit Adolf
von Hildebrand diesen schon im Anblick der Säulenbuchen am Arbeitsplatz "Italien" sagen. |