Erwin Wortelkamp | Vielleicht ein Baum | 1976
520 / 97 / 100–135 / 63 / 62–286 / 65 / 70–153 / 50 / 56 cm
Eisen
Fast ganz oben auf der östlichen Flanke des ›Tals‹, auf
fl ach ansteigender Wiese und etwas entfernt von einigen,
das Terrain gliedernden Bäumen, Büschen, Zäunen, auf
kahlem Platz also, an dem man dem Himmel nah ist, und
wo der Wind in langer Strömung atmet, hier ist diese
mehrteilige Arbeit aus geschweißten Eisenblechen aufgebaut.
Bei Trockenheit ist sie von spröder Düsternis, bei
Nässe glänzend schwarz.
Von verschiedenen Stellen des ›Tals‹ aus sieht man sie,
manchmal nur einzelne Teile, man sieht sie als den Horizont
übersteigende Silhouette. Zwar aufgerichtet und
doch zur Seite geneigt, zwar steil in den Himmel gestoßen
und doch aus der Senkrechten heraus. Ein bewegtes Ensemble
von plastischen Gebärden, die alle auf ein Oben
zielen und es nicht erreichen.
Die Arbeit heißt "Vielleicht ein Baum" und dieser Titel irritiert.
Denn die paar Werk-Elemente spielen so eindeutig
mit dem Motiv des gewachsenen Baums – wozu dann
also das "Vielleicht"?
Entastete Bäume, sockellos aus dem Wiesengrund wachsend
und dadurch unmittelbar im Hier des Terrains. Rundliche
Körper, die in den Raum aufsteigen und ihn zwischen
sich künstlich machen, zugänglich für die ästhetische Erfahrung
und ihr unvermeidliches Bedeuten. Aber was bedeuten sie?
Diese verschieden hohen und starken Stämme aus Eisen sind so bauchig,
gebuckelt, gemuldet, borkig geschuppt wie wirkliche Bäume, die sich
in Jahren gewunden, gedreht, gebeugt haben und in Wetter und Wind
zur Form geworden sind, die ihr Schicksal in der Zeit beschreiben – geht
es demnach um das, um die Darstellung des Gleichgewichts zwischen
den generellen Wachstumsenergien der Natur und den jeweiligen Standortbedingungen?
Dies wäre eine Auslegung ohne Berücksichtigung des "Vielleicht" im
Titel. Blendet man das aber ein, dann bekommt das Ensemble noch eine
andere Aufl adung, die man allerdings auch rein aus der Anschauung
erschließen kann. Denn sind diese Stämme nicht auch wie menschliche
Leiber, sieht man da nicht Rumpf und Schultern, Rücken und Brust,
erkennt man nicht gar Kopf und Hals? Selbstverständlich, das bleibt
leise und muß aus dem Knorrigen dieser eisernen Körper mit Phantasie
herausgelesen und -gesehen werden, etwa so wie Leonardo da Vinci
in verwitternden Mauern Figuren erkannte.
Ist das richtig, dann erscheint in diesem Ensemble zusammen mit der
Darstellung von Naturkräften das Schicksalhafte des menschlichen Daseins,
erscheinen Freiheitsdrang und dessen Behinderung, Bedürfnis
nach unbedingter Entfaltung und deren Einengung.
Derlei ist undenkbar ohne historische Vorläufer. Es sei
erinnert an die Arbeit, in der etwa bei Jacob van Ruisdael
(1626–1682) Bäume wie menschliche Wesen erscheinen
oder bei Caspar David Friedrich (1774–1840) Bäume als
melancholische Zeichen für menschlich Existentielles;
und auch sei erinnert an die Doppel- und Mehrdeutigkeiten
der Plastiken von Alberto Giacometti (1901–1966)
oder von Joseph Beuys (1921–1986), wo das sichtbar Gegebene
zum Auslöser wird für lange und komplexe Assoziationsketten,
die aus der Nähe der persönlichen Erfahrung
in die Ferne des Generellen und Allgemeingültigen
führen.
"Vielleicht ein Baum" ist eine herbe Arbeit. Dramatisch
und still, pathetisch und verhalten – so wie die Perspektiven
der Sicht wechseln, so auch die Möglichkeiten der
Auslegung. Ganz anschaulich aber handelt es sich hier
um eine Existientielles berührende Symbolik. Es geht um
die Formulierung von Stärke und Schwäche (physisch und
psychisch), von Mit- und Gegeneinander, es geht um das
ununterbrochene, anhaltende Drama des Lebendigen
und – für den Künstler – darum, das alles in Material zu
erarbeiten, damit es sich zeigt.
Karlheinz Nowald |