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Gloria Friedmann

Eremitage

1992/93

Tür 196,5 × 94 cm
Flügel 193 × 45 × 4,5 cm
Corten-Stahl

Außenfassade 260 × 270 cm
Innenraum 203 cbm
Mauerwerk, verputzt

Gloria Friedmann

*1950 in Kronach
Lebt in Aignay-le-Duc und Paris

Der ›Einstieg‹ ins Gelände liegt wenige Meter zurück. Der Besucher folgt nun dem alten Mühlenpfad nach Norden, der tief gemuldet durch den Wald führt. Nach einigen Schritten trifft er rechter Hand auf einen in das felsige Gelände hineingetriebenen, fensterlosen Betonkubus, der durch eine Metalltüre zugänglich ist. Durch die geöffnete Tür blickt man in einen kleinen, dunklen Raum mit rot schimmernden Wänden. Ihn zu betreten, mag einige Überwindung kosten. Hat man die Türe hinter sich geschlossen, fällt lediglich durch schmale Schlitze rechts und links der Tür ein wenig Licht ein. Der rote Schimmer weicht der Dunkelheit. Die Augen sehen nicht mehr, dafür vernehmen die Ohren rhythmisch wiederkehrende Töne: eine Herzfrequenz mit 60 Schlägen in der Minute.

Für einen Moment fragt man sich, woher man unmittelbar und ohne zu überlegen weiß, daß es sich um Herztöne handelt? Das eigene Herz gibt die Antwort, denn allmählich nehmen wir wahr, daß der eigene Puls sich auf das Gehörte einpendelt. Es passiert unbewußt und liegt in der Natur der Dinge. Der Ort erhält dadurch etwas Beunruhigendes, weil Zwingendes. Wir fühlen uns im Innersten berührt, angetroffen. Die hier vorgegebenen Töne sind das, was wir alle zuerst vernommen haben.
Gloria Friedmann hält mit dieser architektonischen Skulptur die Erfahrung eines Weges nach Innen bereit und dies auf mehreren miteinander verknüpften Ebenen. Zunächst begeben wir uns in einen kleinen, fensterlosen Innenraum, in dem uns jeder Horizont entzogen ist. So auf uns selbst zurückgeworfen, werden wir, ausgelöst durch das rhythmische Pulsieren einer Herzfrequenz, an unser Innerstes, das eigene Herz erinnert. Kein alltägliches Erleben, denn an das unablässige Funktionieren unseres Herzens verschwenden wir gewöhnlich keinen Gedanken. Durch ein äußerliches Abtasten vergewissern wir uns nun, daß es schlägt.

Doch ist damit nur der äußere Zugang erfaßt, das, was sicht- und tastbar zugänglich ist. Das eigentlich Geheimnisvolle liegt jedoch darin, daß dieser Ort es vermag, ein inneres, leibliches Spüren des Herzens auszulösen. Es ist die Wahrnehmung des gespürten Leibes, nicht des Körpers, den diese Arbeit für den Betrachter bereithält. Innen entsteht dadurch ein ontologische Sprung, der zu einer Qualität von Erschlossensein führt.

Gloria Friedmann nennt ihren Beitrag im ›Tal‹ »Eremitage« (griech.-frz. Einsiedelei), womit ein zumeist einfach gestaltetes, kleines Gebäude in abgeschiedener, einsamer Umgebung bezeichnet wird. Eremitagen, als eine Besonderheit von fürstlichen Landschaftsgärten, gibt es in Italien seit dem 16. Jahrhundert. Zunächst wohnte dort tatsächlich ein Eremit. Später, im englischen Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts, wandelt sich die Eremitage zum architektonischen Träger von Stimmungen, die im Wanderer durch einsame, waldig-felsige Gegenden hervorgerufen wurden.

Die Künstlerin lehnt sich mit ihrer begehbaren Skulptur an das historische Konzept an. Zugleich versteht es Gloria Friedmann, dieses Konzept über die genannten äußerlichen Merkmale hinaus zu aktualisieren. Indem sie »Eremitage« im Kontext der Topographie und des Wegesystems denkt, gelingt es ihr, Bezüge zu anderen Arbeiten des ›Tal’s‹ herzustellen. Der ›Einstieg‹ ins Gelände von Lutz Fritsch kann nun auch als Eintritt in die Welt erscheinen. In der »Eremitage« mit dem Ich konfrontiert, erscheint der »Arme Mensch« von Thomas Lehnerer, eine kleine Bronzeskulptur am Ende des Mühlengrabens, als erstes Du. Neben ihm öffnet sich die Landschaft und die Reise, die längst begonnen hat, führt uns ins ›Tal‹.

Christiane Schön

im Tal – Stiftung Wortelkamp