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Hannes Forster

Überbrückung

1988

0–30 × 110 × 110 × 1700 cm
Bruchsteine, Vierkanthölzer, Teiche, Bach

Hannes Forster

*1955 in Tuttlingen
lebt in Berlin

ein Gehen

Folgt man dem Bach stromaufwärts durch nasses Gras und aufgeweichte Erde, so kommt man in ein Feuchtgebiet. Tümpel, Gräser und Blüten zeigen die lebensgenerierende Potenz des Wassers. Eben hier, in der ökologischen Mitte des ›Tals‹, kann der Wanderer den Bachlauf überqueren, kann sich auf die Kleinteiligkeit und Ereignisvielfalt eines Mikrokosmos einlassen.

Eine sich auf das Elementare beschränkende Brückenarchitektur durchkreuzt das Feuchtgebiet, führt leicht ansteigend bzw. abfallend zwischen Teichen hindurch und über den Bach hinweg von Ufer zu Ufer. Fünf trocken geschichtete Bruchsteinbasen stützen einen schmalen, aus drei miteinander verschraubten Vierkanthölzern gebildeten Steg. Der Steg läßt sich in eben dem Maße in die Natur ein, wie er selbst aus der Natur kommt und wieder in sie einmündet. Sein Gemacht-Sein zeigt dabei ein Bewußtsein für die Nutzbarkeit der natureigenen Materialien. Der Steg ist so nicht Fremdkörper, sondern selbst Teil der Landschaft. Seiner Konstruktion eignet nicht die Künstlichkeit des scheinbar Ewigen, sondern die Natürlichkeit möglichen Zerfalls.

Das Bauen selbst, die Folge der einzelnen Arbeitsschritte, ist in der sorgfältigen Schichtung der Bruchsteinbasen und der festen Verschraubung der Vierkanthölzer deutlich sichtbar. Trotz der potentiellen Gefährdung, die durch die Schmalheit des Stegs und die lose Schichtung der Steine evoziert wird, bleibt das Risiko des Begehens jederzeit kalkulierbar. Im Verhältnis zur Schmalheit des Stegs wirken die fünf Bruchsteinbasen überdimensioniert. Während der Holzsteg selbst kaum breit genug ist, um vorsichtig und konzentriert darüber zu gehen, scheinen die Bruchsteinbasen nicht nur diesen schmalen Steg stützen zu sollen, vielmehr sind sie Sockel, Stümpfe, Standflächen. Sie setzen Verweilorte inmitten eines zielgerichteten Gehens. Die „Überbrückung“ als Weg zeigt die Dimensionen des eigenen Gehens. Indem die Lauffläche nämlich gerade breit genug ist, um die Balance zu wahren und einen Schritt vor den anderen zu setzen, ist nichts anderes möglich, als bewußt zu gehen. Will man sehen, muß man auf einer der Bruchsteinbasen stehen. Dann erfährt man die vertikale Kraft, die die Steine in ihrem scheinbaren Herauswachsen aus der Erde ziehen und die sich in der eigenen Körperachse fortsetzt. Geht man weiter, so folgt man abermals dem beschleunigenden horizontalen Zug des Stegs.

Die ›Überbrückung‹ ist so einerseits funktional gebundene Architektur, die die Überquerung des Baches möglich macht, ist andererseits aber skulpturale Gestalt, in der sich Gehen und Sehen als die beiden grundlegenden Wahrnehmungsmodi in der Natur voneinander trennen, ohne sich zu verlieren. Das eine zeigt sich als Ermöglichung und Bedingung des anderen wie umgekehrt. Die Landschaft ist hier nicht mehr nur Schauspiel vor den Augen, sondern wird zur Lebenslandschaft, in der sich der Gehende Raum schafft und sich in ihr umtut.

 

Wir können nicht sagen, wir denken, wie wir gehen, wie wir nicht sagen können, wir gehen, wie wir denken, weil wir nicht gehen können, wie wir denken, nicht denken, wie wir gehen.

Thomas Bernhard, Gehen

Jörg van den Berg

im Tal – Stiftung Wortelkamp