Direkt zum Inhalt

md

Michael Deiml

Sonne – Licht – Mensch

1984/89

Spiegel Ø 370 cm
Steinkreis Ø 860 cm
Stahlbögen 417 × 860 cm
Stein in der Mitte des Kreises | 20 × 95 cm

Michael Deiml

*1949 in Prag
lebt in Böblingen bei Stuttgart

Landschaftsinstallation Sonne – Licht – Mensch

Die Wurzeln dieser Landschaftsinstallation liegen an zwei Orten in Peru, die ich 1981/82, während einer Reise durch Südamerika besichtigte. Von dem ersten Ort, dem Berghochplateau Marcahuasi, stammt die Kreisform, in der nun ›im Tal‹ Steine in der Wiese angeordnet sind.

Von dem zweiten, einem Ort, der sich in der Nähe der Stadt Nasca befindet und durch seine Geoglyphen und kilometerlange Linien im Wüstenboden weltberühmt wurde, stammt die astronomisch orientierte Sichtlinie in der Landschaft. Aus der Synthese der beiden ›Prinzipien‹, in Verbindung mit der landschaftlichen Konfiguration, die man im Spannungsfeld zwischen Berg und Tal lokalisieren könnte, entwickelte sich 1984 das Konzept der zweiteiligen Installation Sonne – Licht – Mensch, die seit 1989 im nördlichsten Teil des Hasselbacher Tals installiert ist.

In den Formen und Maßen der einzelnen Elemente sowie deren gegenseitiger Ausrichtung wurde in diesem Kunstwerk die ›RAUM-ZEIT-Definition‹ des Ortes verschlüsselt dargestellt. Der RAUM ist dabei durch die geographischen Koordinaten des Ortes und durch vorgefundene Landschaftsvorgaben sowie dem Landschaftsprofil und den Sichtlinien im Tal spezifiziert. Durch den Bezug auf die vor Ort geltenden kosmischen Gesetzmäßigkeiten, die anhand der Sonnenbewegung im Jahreslauf direkt ablesbar sind, sowie durch die steten Veränderungen des lokalen Geschehens, unter dem Einfluss des Wetters und der Jahreszeiten, wird ortsspezifisch auch der Faktor ZEIT in das Kunstwerk integriert.

Dabei entstand u. a. ein ruhender Raum (Steinkreis), dem die Bewegung der Erde um die Sonne auf wahrnehmbare Art und Weise Dynamik verleiht. Diese natürliche Bewegung löst zwei Prozesse aus, die sich als ›Licht‹- bzw. ›Schattenprozess‹ zum Sommeranfang im Zentrum des Steinkreises, dem ersten Teil der Installation, begegnen.

Der Steinkreis im Tal mit einem Durchmesser von ca. 8 m, wird aus zwei Dutzend kleinerer und größerer Steine gebildet, die in der Wiese eingebettet sind. Nur einer von ihnen, der nördlichste, ragt klar aus der Wiesenebene heraus und markiert ein Ende der Meridianlinie des Kunstwerks, die über das Zentrum des Steinkreises weiter nach Süden verläuft. Im Zentrum des Kreises befindet sich ein runder Jura-Stein mit einer kreisförmigen Vertiefung in seiner Mitte, die oft mit Regenwasser gefüllt ist. Aus dem südlichsten Punkt des Steinkreises ragt senkrecht ein Stahlbogensegment empor, an dessen Ende sich ein Stahlring befindet. Der große zweiteilige Stahlbogen steigt im Nordosten des Steinkreises aus der Erdoberfläche heraus und verschwindet wieder im Nordwesten des Kreises im Wiesengrund. Der Stahlbogen ist so berechnet und orientiert, dass er die Sonnenbahn zur Sommersonnenwende wiedergibt, wobei die Bewegung des Schattens, den der Bogen wirft, eine präzise Choreographie nach astronomischen Gesetzmäßigkeiten vollzieht.
In seinem Kulminationspunkt ist der große Bogen unterbrochen. Durch diese Unterbrechung fällt dann zur Sommersonnenwende, wenn die Sonne mittags im Zenit steht, das Sonnenlicht ungehindert auf die Mitte des runden Steines. Die übrige Zeit des Tages kann diese Stelle bei Sonnenschein als Drehpunkt eines sich langsam bewegenden Schattens wahrgenommen werden.

Der ›Berg-Teil‹ der Installation befindet sich in einer Entfernung von etwa 400 m auf einer Anhöhe nord-östlich des Steinkreises. Diese eigenartig schimmernde und ihre Erscheinung manchmal rasch verändernde Fläche ist ein runder Spiegel mit einem Durchmesser von 3,7 m. In diesem kann man, je nach Standort des Betrachters vor dem Spiegel, nicht nur sich selbst und die gegenüberliegende Talseite sehen, sondern auch den stetig wechselnden westlichen Himmel wahrnehmen. Durch die Reflexion dieses Geschehens wird der Spiegel selbst zum Chamäleon, wenn sich seine Oberfläche von blau, über orange und violett bis zum silbrigen Schein einer sonderbaren unbeweglichen Mondimitation wandelt, die manchmal erst tief in der Nacht verlischt.

Die Beziehung, die in der Natur zwischen Berg und Tal existiert, besteht auch zwischen den beiden Gestalt-Trägern der Installation, dem Spiegel am Berg einerseits und dem Steinkreis mit den Stahlbögen im Tal andererseits. Die Zusammengehörigkeit der beiden Elemente ist für die Betrachter nicht jederzeit sichtbar und muss durch diese selbst gesucht und erkundet werden. Sie offenbart sich durch Sonnenlichtreflektion vom Spiegel in die Landschaft. Am deutlichsten sichtbar ist sie in den Tagen um die Sommersonnenwende, wenn kurz vor Sonnenuntergang der vom Spiegel reflektierte Sonnenstrahl in das Zentrum des Steinkreises fällt. Dabei leuchtet die kleine spiegelnde Wasserfläche in der Mitte des runden Jura-Steines auf. Damit begegnen sich der ›Lichtprozess‹ und ›Schattenprozess‹ für kurze Zeit an einem, durch das Kunstwerk in der Landschaft herausgehobenem Ort, bevor der Sonnenreflex rasch zu der gegenüberliegenden Talseite weiter wandert und bei Sonnenschein von dort noch längere Zeit beobachtbar ist.

Im weiteren Verlauf des Jahres lösen sich dann beide Prozesse wieder voneinander ab: Der Schatten bleibt immer an den Steinkreis gebunden und entfernt sich nur langsam von der Mitte nach Norden, während sich der Sonnenreflex des Spiegels nach der Sonnenwende täglich mit zunehmend größeren Schritten von dort in Richtung Norden wegbewegt: Im Winter, wenn die Sonne am Wendepunkt steht, ist die Entfernung vom Steinkreiszentrum am größten. Doch jährlich wiederholt sich das Natur- und Kunstschauspiel für den Menschen, der dies vor Ort ›im Tal‹ betrachten und erleben möchte.

Die Arbeit an dieser ortsbezogenen Installation, die mit dem Geschehen im Kosmos eng verknüpft ist, lenkte seit 1984 bis heute mein Interesse auch auf die Bauten und Kultstätten der megalithischen Kultur, zunächst in Frankreich, später auch in Spanien, Portugal, Großbritannien und Malta. Ich fragte mich: Inwieweit gibt es eine ›Ideenverwandtschaft‹ der megalithischen Bauten und Kultstätten und meiner Arbeit?

Vor allem bewegte mich die Frage, welche ortsbezogenen, landschaftlichen Kriterien der megalithische Mensch zur Auswahl des Ortes für den Aufbau und die Orientierung seiner Steinsetzungen, wie Dolmen, Menhire, Steinkreise und Linien, heran zog und in wie fern diese Werke Bezug zum Kosmos haben. Ich suchte nach Orten, an denen unter der Einbeziehung der landschaftlichen Gegebenheiten des Standortes, und der Beachtung der Himmelsrichtungen sowie des kosmischen Geschehens im Jahreslauf die ›Vereinigung‹ von Raum und Zeit auch nach tausenden Jahren noch heute ablesbar wäre. Mehrere Zufälle führten mich bereits 1984 zu dem zerbrochenen Dolmen BERCEAU in der Nähe von Chartres in Frankreich, auf den sich in gewisser Weise die in der Installation Sonne – Licht – Mensch angelegten Gedanken und Prinzipien teilweise übertragen ließen.

Eine leider noch nicht realisierte Projektidee unter dem Titel Stein – Licht – Mensch, mit dem Ziel, eventuelle astronomische Bezüge dieses Dolmens eingehend zu untersuchen sowie die Möglichkeit seiner Rekonstruktion auszuloten, sollte gleichzeitig nicht nur eine Brücke zwischen den Räumen und Zeiten herstellen, sondern auch zwischen Kunst und Wissenschaft bilden.

Raum: ›im Tal‹ Hasselbach/Werkhausen (50,7138° nördliche Breite/7,6167° östliche Länge);
Zeit: 21.6.1989

Michael Deiml

im Tal – Stiftung Wortelkamp